Nr. 25.
1833.
»ur
„Ängsburger postMuug."
Mittwoch, 28. März
I e r n n n - e.
Aus dem Englischen von M. Betham-Edwards , übersetzt von Alice Salzbrunn.
(Nachdruck verboten.)
Ein fröhliches Bild lag vor Fernandens traurigen Augen, als sie an einem Winter-tage am Quai der schönen alten Stadt Nantes am Üser der Loire vorüberging. Aufeiner Seite prangten die Schiffe aller Nationen, die Wellen strömten klar und rasch demMeere zu; auf der anderen Seite lockten in großen Schaufenstern die Waaren der glänzen-den Weihnachtsausstellungen; Equipagen rollten im milden Wintersonnenschein, und hinterder Stadt und thurmreichen Kathedrale nistete an den grünen Ufern manche Hütte undkleine Kirche. Bon allen französischen Städten ist diese alte Hauptstadt der Bretagne sicherlich die angenehmste und fröhlichste, sowohl im Sonmer, als im Winter»
Trotz ihres schweren Herzens fühlte Fernande die Fröhlichkeit dieser Umgebung; siewollte ihren eigenen Gedanken entgehen und stand still, um Alles anzuschauen. Die schwer-beladenen kleinen Dampfschiffe, welche zwischen der Stadt und den benachbarten Dörfernhin und her gingen, die auf hohen Masten flatternden ausländischen Flaggen der Kauf-fahrteischiffe, der Lärm im Hafen, die prächtigen Schaufenster erregten ihre Aufmerksam-keit, obgleich sie diese Gegenstände täglich gesehen. Dann setzte sie sich und beobachteteeinen ankommenden Eisenbahnzug, denn zwischen dem Boulevard und dem Quai mittendurch die Stadt, geht die Eisenbahn und trägt zur Belebung des Bildes bei. Es warder Zug aus Paris , und als er langsam der Stadt zufuhr, ereignete sich ein unerwarteter,sonderbarer Vorfall. Gerade gegenüber der Bank, auf welcher Fernande saß, warf eineschöne weiße Damenhand aus einem Coups kleine gedruckte Zettel, welche nach allenRichtungen flogen. Die Dame selbst blieb unsichtbar, obgleich die reizende Hand währendder ganzen Fahrt durch den Hafen die kleinen Botschaften zum großen Vergnügen derZuschauer hinausflattern ließ. Fernande erhob sich eilig» um einen der Papierstreifenaufzufangen; als sie ihre Hände ausstreckte, flatterte ihr der Zettel wie ein Schmetterlingzu und blieb auf ihrer Brust hafte». Lächelnd sagte sie sich, das könne ein gutes Omensein, und las eifrig folgende Worte: „Madame Lorenzi, früher Tragödin des Theaterfranqais, wird morgen Abend Scenen aus dramatischen Werken und eine AuswahlPoesien von bretanischen Dichtern der Gegenwart vortragen."
Die Sorge schärft djs Fähigkeit mancher Menschen, und während Fernande überdie gelesenen Worte nachsann, schien ihr ein hoffnungsvoller Gedanke zu kommen. Injugendlicher Unerfahrenhsit machte der Kummer sie ungeduldig; sie hätte das Glück mitLiebe und Leben auffassen können und war zu jeder Anstrengung bereit, um es für sichund ihren geliebten Gatten zu erlangen. Sie sann nach, machte einen Plan und gingeilig mit dem elastischen Schritt einer frohen Stimmung weg. Ihre bescheidene Wohnungbestand aus ein paar kleinen Zimmern in einem entlegenen alten Stadttheil. Der kalteOfen betrübte Fernande, sie wußte, daß ihr Speiseschrank fast leer sei, aber die Ein-richtung sprach von glücklicher Zeit, in welcher sie vor zwei Jahren als Neuvermählte