Ausgabe 
(28.3.1883) 25
 
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diese Räume betreten hatte. Dort standen wohlgsfüllte Bücherbretter und ein PianinoBilder schmückten die Wände, enr warmer Teppich bedeckte den Fußboden. Nur diebitterste Noth hätte das junge Paar zur Veräußerung dieser Gegenstände zwingen können.Es war noch früh am Nachmittag, und eine klügere Person als Fernande hätte sich mehrZeit zur Ueberlegung vor der Ausführung ihrer Absicht gelassen. Fernande wollte keineMinute länger warten. Nachdem sie in den vergangenen Wochen mit gefalteten Händenüber ihrem Kummer gebrütet hatte, fühlte sie jetzt einen heftigen Trieb zu hoffen undizu handeln. Morgen konnten ihr vielleicht wieder die Unternehmungslust und Freudigkeitfehlen. Sie schloß eine Schieblade im Schreibtisch ihres Mannes auf unv nahm behutsamein Manuskript heraus. Ach! Es trug leider die unverkennbaren Spuren, daß es. schonoft vergeblich auf gut Glück in die kalte Welt gesendet worden war. Gewisse höflicheBleistiftbemerkungen der Verleger, gewisse leichte Zeichen der Durchsicht und Verpackungwaren zu deutlich. Vielleicht war das Werk genial, aber es hatte noch nicht das Herzdes Kritikers gerührt und sein Gemüth begeistert. Fernande lächelte jedoch, als sie diewohlbekannten Blätter erblickte. Für sie gab es nur einen Dichter in der Welt, wenig-stens diesen einen Dichter, dessen Laufbahn einen Theil ihres Daseins bildete, und sieglaubte noch jetzt an die Schönheit seiner Dichtung, wie in den ersten Tagen ihrer Ehe,als das Vorlesen des Manuscripts und die durch dasselbe erregten Hoffnungen ein neue^süßeS Band um Mann und Frau geschlungen.

Ich werde jetzt Alles vollenden, was ich zu schaffen hoffte, weil du mein bist unduich ermuthigen und begeistern wirst", hatte er gesagt; sie glaubte ihm und gab sichglücklichen Hoffnungen hin; ach! eine nach der anderen mußte verschwinden. Kein Seufzerklagte heute über die anscheinend so harmlosen, und doch so verhängnißvollen Bleistift-zeilen. Sie drückte das Manuscript entzückt an das Herz, verbarg es unter ihrem ab-getragenen Tuch und ging wieder hinaus auf die heiter belebten Straßen, diesmal nichtauf den Boulevard am Hafen, sondern auf die schönen Plätze im Mittelpunkt der Stadtwo die Gasthäuser ersten Ranges standen. Im vornehmsten Hotel fragte sie den Portier:Ist Madame Lorenzi hier? Könnte ich sie sprechen?"

Ja, Madame logirt hier. Darf ich Ihre Karte hinauftragen?" sagte ein Kellner,argwöhnisch in Bezug auf Fsrnandens Anliegen. Wir erzählen den Leuten unsere Ge-schichte viel öfter, als wir es vermuthen! Er nahm die Karte, indem er ihre schlechtenHandschuhe betrachtete, sprang die elegante Treppe hinauf und ließ sie unten warten.Einige Minuten später ging Fernande die breiten teppichbelegten Treppen hinauf. Nach-dem sie zweimal angeklopft, (wie kommt es, daß das erste Klopfen eines Bittenden soselten gehört wird?) rief eine wohlklingende, jedoch gedämpfte Stimme: Herein! Fernandeüberwand ihre Schüchternheit im eifrigen Streben nach dem ersehnten Ziel; sie öffnetedie Thüre und befand sich der großen pariser Künstlerin gegenüber; es war die Tragödinund Vorleserin, von welcher man sagte, daß sie das Glück und den Ruhm manches jungenDichters nur durch ihre Deklamation einiger Verse gegründet. Ein so sonores, klang-volles und biegsames Organ wie das der berühmten Madame Lorenzi konnte keiner un-bedeutenden Erscheinung angehören; Fernande hatte eine ungewöhnliche, bewunderns-werthe Frau erwartet und wurde nicht enttäuscht. Dieses herrliche Wesen war so groß,gebieterisch und majestätisch, daß die arme junge Frau ein drückendes Gefühl ihrer eigenenÜnscheinbarkeit empfand, sowie eine fast heidnische Verehrung,»als müsse sie auf ihre Knieesinken und diese entzückenden weißen Hände zum Zeichen der demüthigsten Huldigungküssen. Aber in diesem Augenblick war keine Art der Begrüßung möglich, und wäreFernande in anderer Stimmung gewesen, so hätte sie über die Seltsamkeit dieses Empfangsgelächelt. Von Wohlwollen getrieben hatte die Tragödin die bescheidene Besucherin vor-gelassen, als sie sich vor dem Toilettentisch frisirte; bei Fernanvens Eintritt waren ihrGesicht, ihre Schultern und Arme von wunderschönem, dunkellockigem Haar verhüllt«Solches Haar sieht man selten mehr als einmal im Leben; die schwarzen glänzend ge-wellten, wogenden Massen schienen eine Last für die Besitzerin. Einige Minuten vsr-