Ausgabe 
(28.3.1883) 25
 
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gingen, ehe es den zarten Fingern, welche den Elfenbeingriff einer Bürste hielten, gelang,die schwarzen Massen über der Stirn zu theilen; dann ruhte die Dame von ihrer Müheaus und wendete ihr Gesicht, in welchem Wohlwollen und fast kindliche Naivetät strahlten,mit fragendem Blick der Eingetretenen zu. Ermuthigt kam Fernande näher und legteihr Manuskript auf den Tisch.

Ah", sagte die Tragödin lächelnd,Sie möchten auch eine Dichterin sein undbegehren den Ruhm. Armes Kind! Ueberlassen Sie solche vergebliche Hoffnungen denMännern. Die Frauen haben genug Täuschungen anderer Art!"

Es gehört geringe Scharfsichtigkeit dazu, um in Frankreich eine arbeitende, mitSorgen kämpfende Frau zu erkennen. Das schwarze Kleid ist die Livre der Arbeiterin,und Fernandens Gesicht mit dem sehnsüchtigen Blick und den kummervollen Linien hätteeinem kämpfenden Genie angehören können. Ein stolzeres Erröthen, als das der Selbst-achtung flammte auf ihrer Wange, as sie antwortete:Nicht meinetwegen wollte ich mitIhnen sprechen, Madame, sondern wegen meines Mannes. Seine Dichtungen sind gewißnicht unbedeutend, jedoch gelang es ihm noch nicht, einen Berleger zu finden. Vor einemJahr verlor er seine Professur am hiesigen Lyceum, weil er sich an einer politischenDemonstration betheiligte, und seitdem war es ihm nicht möglich, irgend eine Beschäfti-gung zu finden. Dieses Mißgeschick verbittert ihn wir sind sehr unglücklich"

Nun wollen Sie, daß ich seine Verse vorlese und die Kritiker zu seinen Füßenbringe?" fragte die Dame schelmisch, aber mit augenscheinlicher Bestürzung.Da Siegekommen sind, um für Ihren Gatten zu sprechen, weiß ich, wie schwierig es sein wird,Ihre Bitte abzuschlagen. Aber Sie muffen bedenken, mein Kind, daß der Dichter nurEiner ist, während die Zahl der Kritiker Legion ist, und wenn Alle ihn verwerfen, mußer das Verbiet annehmen."

Das auf dem Tisch liegende Manuscript hatte diesen erfahrenen Augen bereitsseine Geschichte erzählt.

O, es ist, wie Sie sagen", sprach Fernande eifrig,aber, bitte, durchblätternSie das Gedicht. Es ist eine auf diese Stadt bezügliche Sage. Die Verse sind volledler Gefühle, und die Schilderungen würden den ortskundigen Leuten gefallen."

Sie sind eine ausgezeichnete Fürsprecherin", erwiderte die Tragödin gütig, wiewohletwas nachlässig, denn sie war an solche Bitten zu sehr gewöhnt.Und ich will Ihnenwenigstens eines versprechen. Ich will das Manuscript durchlesen, und wenn mein Urtheilmeiner Sympathie für Sie gleichkommt, so sollen Ihre liebsten Wünsche erfüllt werden."

Sie blickte lächelnd in das junge, bereits von Sorgen durchfurchte Gesicht undmußte unwillkürlich hinzufügen:Wenn, wie Sie sagen, das Gedicht ein besondereslokales Interesse hat, wer weiß, ob ich nicht wirklich das Mittel zum Ruhm des Dichterssein kann."

O, Sie sind engelgut!" rief Fernande, neigte sich und küßte die schöne weißeHand, welche noch die Elfenbeinbürste hielt.Ich werde heute Nacht glückliche Träumehaben."

Jedenfalls sollen Sie die Befriedigung haben, meine Vorlesung zu hären.Bitte/nehme» Sie diese beiden Eintrittskarten. Jetzt möchte ich meine Toilette beendigen, dennich erwarte viele Besuche."

Fernande sprach ihren Dank aus, fo gut sie konnte, warf einen letzten zärtlichenBlick auf das Manuscript und eilte hinweg. Sie wußte kaum, ob sie auf die Ver-wirklichung ihrer Träume hoffen dürfe oder nicht. Unerfahren in der großen Welt wußtesie nicht, wie weit sie sich auf solche Bereitwilligkeit ihr zu helfen verlassen könne, oder'ob sie die Kritik fürchten muffe. Sie machte sich Vorwürfe, weil sie keinen tieferen Ein-druck hervorzubringen versucht hatte; so schwer wird es uns zu glauben, daß wir genuggethan haben, wenn unsere Anstrengungen einem geliebten Wesen gelten.

(Fortsetzung folgt!