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Sellrsterkrnntniß.
Das Menschenleben bietetSo manche herbe QuaiUnd Sorgen zieh'» vorüberUnd Leiden ohne ZabI,
Die obne SelbstverschnldenDes Schicksals Tücke bringt,
Daß, sie zu überw-nden,
Nur mübvoll oft gelingt.
Doch ach, die größten Leiden,
Den allergrößten SchmerzSchafft sich gar meist das eig'ne.Das stolze Menschenherz!
Wer immer nur den SplitterIm fremden Auge suchtUnd nicht der eignen Thorheit,Dem eignen Laster flucht;
Wer seine NebenmenschenVoll Neid und Mißgunst höhntUnd in dem eignen HerzenDen Leidenschaften sröhnt;
Wer lieblos nur auf And'reUnd übermüiyig schaut,
Und aus die eigne TugendZu stolz und mächtig baut:
Dem wird die Erde immerEm Jammerthal nur sein,
Dem hüllen immer WolkenDen reinen Himmel ein;
Dem blüden keine Blumen,
Es lacht ihm nicht die.Welt,
Weil er ja selbst die FreudenDes Lebens sich vergällt!
Willst Du die Welt verbessern.
Dann bessere erst Dich,
Und lerne erst erkennenDein eignes, schwaches Ich;
Dann lösch' die LeidenschaftenIm eignen Herzen ausUnd kämpfe unverdroßenDer Tugend harten Strauß!
Carl Felix.
Eine rührende und wunderbare Begebenheit.
Christoph v. Schmid erzählt im dritten Bündchen in den Erinnerungenaus seinem Leben, Augsburg , 1853—57, einem Buche, das so viel SchönesundAnniuthendes enthält und auch ein treffliches Stück Kulturgeschichte bildet, so daß mansich wundern muß, wenn es nicht eines der gelesensten Bücher geworden ist, — Christophv. Schmid erzählt also in dem gedachten Buche, drittes Bündchen Seite 123 u. f„eine wunderbare Begebenheit, die unsere Leser ergreifen wird, daher wir sie mittheilen.Für's Erste ist die Wohlthätigkeit eines braven Landgeistlichen gegen einen arme» Hilfe-losen fremden Knaben recht rührend, und dann die Erscheinung aus der jenseitigen Weltungemein tröstlich und überzeugend.
Christoph v. Schmidt hatte den Kaplan Johann Kapistran Weber in Mittel-berg im Algäu kennen gelernt. Kapistran Weber war ein Schüler Sailer's, als dieserProfessor in Dillingen war. Von diesem Kaplan Weber, den Christoph v. Schmidkurzweg Kapistran nennt, erzählt er nun, wie schon bemerkt, eine ebenso rührende alswunderbare Begebenheit in seinen Lebenserinnerungen folgendermaßen:
„Eines Tages im Frühling« machten wir zusammen eine kleine Fußreise und be-viitzten dazu noch ein paar Stunden der Nacht, die ungemein schön war. Es schwebtmir Alles noch so lebhaft vor den Augen, als ob es erst heute wäre. Wir wandertendurch ein angenehmes Wiesenthal nächst einem Wäldchen hin. Der Mond schien über-aus helle; Alles schwieg, nur der Gesang einer Nachtigall erschallte ungemein lieblich inder tiefen Stille der Nacht. Unsere Herzen ergossen sich recht vertraulich gegen einander.Wir theilten uns unsere Erfahrungen in der Seelsorge mit.
Da erzählte mir denn Kapistran, (und ich erinnere mich zwar nicht der einzelnenWorte, aber des Inhalts seiner Erzählung sehr genau), folgende Begebenheit. Er saßals Kaplan in der großen, viele Filialen einer gebirgigen Gegend umfassenden PfarreiMittelberg an einem rauhen, sehr kalten Winterabende eines Tages mit seinem Pfarrerbei Tische. Ein armer, dürftig gekleideter Knabe kam an das Fenster und flehte» vorFrost zitternd und mit den Zähnen klappernd, kläglich um ein Almosen. Kapistran batden Pfarrer um Erlaubniß, den Knaben hereinzurufen und ihm einen Teller warmerSuppe zu geben. Der Pfarrer erlaubte es gerne und theilte dem hungrigen Knabenvon allem mit, was aus den Tisch kam.- Nachdem der Kleine nach langer Zeit wiedereinmal sich satt gegessen hatte, dankte er mit Thränen in den Augen und wollte weitergehen; allein es wurde ihm übel. Er hatte sich »erkältet und die Kälte wurde ihm in