Ausgabe 
(31.3.1883) 26
 
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zur

Äugslmrger PostMung."

Nr. 26. Samstag, 31. März 1883

Fernande.

Aus dem Englischen von M. Betham-Edwards , übersetzt von Alice Salzbrunn.

(Fortsetzung.)

2. Kapitel.

Fernande war entschlossen, diesen Besuch zu verschweigen, und die in Aussichtstehende Vorlesung wurde erst am nächsten Morgen erwähnt. Als das Ehepaar schweigendbeim Frühstück saß, seltsam, daß die Sorge stumm und die Freude gesprächig macht sah sie auf zu dem schönen dunkeläugigen Gesicht ihr gegenüber und sagte:Etienne,willst Du heute Abend mit mir in die Vorlesuug der Madame Lorenzi gehen? DieBillete wurden mir geschenkt."

Ohne von seinem Teller aufzusehen erwiderte der junge Professor:Ja; wir hättenhingehen müssen, auch wenn die Eintrittskarten uns nicht geschickt worden wären. AlleProfessoren und Schüler des Lyceum werden dort sein, wie ich hörte. Bliebe ich weg,so würden die Leute sagen, daß ich mich zu erscheinen schäme, oder daß wir in der Weltkeine zwei Francs zum Eintrittsgeld auftreiben konnten." Er lachte mit schrecklichem Hohnund fügte hinzu:Es ist eine heitere Welt. Wie wäre es, wenn wir uns entschlössen,ihr Lebewohl zu sagen?"

O, sei nicht so bitter so gottvergessen!" sagte die junge Frau flehend.Gott hat uns nicht verlassen, wir werden bessere Tage sehen."

Statt einer Antwort zuckte er nur die Schultern. Fernande beobachtete ihn undsann traurig über die verändernde Macht der Sorge nach. Sehr stolz und sarkastischwar ihr Mann immer gewesen, aber Niemand könnte gütiger und genialer sein als er,so lange das Glück ihnen günstig war. Es schmerzte sie unaussprechlich, daß ihre Nei-gung ihn jetzt kaum trösten konnte. Das kleinste Zeichen seiner Liebe zu ihr hätte ihrdie dunkelste Stunde erleichtern können, aber er schien in sich zusammen zu sinken undjetzt im Gefühl seines Unglücks und seiner Verlassenheit sogar die Liebe zu vergessen.Nie hatte eine zahlreichere, verschiedenartigere Versammlung das geräuinige Theater ge-füllt als heute zum Willkomm der großen Künstlerin. Das angekündigte Vergnügenpaßte sowohl für Ernstgesinnte, als Leichtfertige, für Jung und Alt, Gebildete und Un»wissende. Wer unter den Franzosen , sei es Mann, Frau oder Kind, könnte sich nichtfreuen über eine Scene aus Racine, ein Lied Börangers, eine Idylle von Lamartineoder eine Fabel von Lafontaine, besonders beim Vertrag der mächtigen, lieblichen undpathetischen Stimme einer Lorenzi? Diese Dichtungen sind Allen bekannt und durchdringeneine französische Zuhörerschaft mit edler Begeisterung. Beim Beginn des Vortrags derherrlichen Tragödin aus Victor Hugo's Emu" herrschte lautlose Stille unter der großenMenge; die süße Macht der Beredtsamkeit, die volle, musikalische, tönereiche Stimme er-hob sogar Fernandens trauriges Herz in höhere Regionen. Als sie mit angehaltenemAthem auf Athalie's leidenschaftliche Reden lauschte, vergaß sie die während des Tagesgehegten Hoffnungen; sie hörte nicht in Erwartung, sondern in einer Gemütsverfassung