Ausgabe 
(31.3.1883) 26
 
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zu, mit welcher ihre eigenen Gefühle Nichts zu thun hatten. Vor der großen, lebens»wahren Welt der Poesie erloschen ihre kleinlichen Sorgen. Etienne vergaß ebenfallsbald seine zerschmetterten Pläne, seine tiefgewurzelte Bitterkeit, während er unter diesenraschen Eindrücken glühte. Fernande sah sein erregtes Gesicht und erinnerte sich plötzlichihrer süßen Hoffnungen, welche sie bereits als thöricht erkennen mußte; sie tröstete sichmit dem Gedanken, daß dieser Abend ihr und ihrem Manne einen edlen Genuß gebotenhabe. Madame Lorenzi konnte ihnen weder Ruhm noch Reichthum bringe» aber sie hatteihnen eine unauslöschlich schöne Erinnerung geschenkt. Fernandens hochfliegende Hoff-nungen verschwanden in der Erregung dieses unvergleichlichen Abends. Als ein herr-liches Gedicht nach dem anderen vorgetragen wurde, als abwechselnd die zarteste Anmuthund die höchste Leidenschaft des Ausdrucks jedem Vers und sogar jedem Wort größereSchönheit und tiefere Bedeutung verliehen, fühlte sie, daß sie glücklicher und demüthigerwurde. Nein; es war nur Selbsttäuschung und Kühnheit zu hoffen, daß ihr Mann schonjetzt in die Gesellschaft der gottbegnadeten Dichter gehören könne. Er mußte größereAnstrengungen machen und auf die Zukunft warten. So vergingen die entzückendenAugenblicke, und endlich kündigte die Tragödin einige Gedichte lebender bretanischer Dichteran; Fernande hörte es kalt und erwartungslos. Sie hoffte nicht mehr auf die Ver-wirklichung ihres Planes und wünschte fast, der Abend möge vorüber sein, weil sie weh-müthig ihrer Illusion gedachte. Sie mußten morgen wieder zu ihren Sorgen erwachen,als ob Nichts geschehen sei, und mußten sich rüsten, die Prüfungen zu ertragen, welcheGott ihnen noch senden wollte. Das Unglück konnte nicht in einem Tage verschwinden;allmählig würden die Wolken vorüberziehen und die Sonne gewiß zur rechten Zeit scheinen,aber nicht jetzt und nicht plötzlich, wie durch einen Zauberschlag. Sie saß mit theilnahm-losen Blicken und gefalteten Händen, nicht mehr in Selbsttäuschung sondern nur in Ver-wunderung über ihre vor einer Stunde gehegten kühnen Ziele. Träumte sie? Hörte siewirklich oder nur in ihrer Einbildung den Namen ihres Gatten? Sie neigte sich in ver«zweiflungsvoller Erwartung vorwärts, als ob ihre Existenz von den nächsten Worten derTragödin abhänge; die Letztere sprach noch einmal unzweifelhaft klar und wohllautendden Namen ihres Mannes aus, und Fernande konnte kaum ihre Fassung behaupten. Siewagte es nicht, ihren Mann anzublicken, aber sein leiser Seufzer, sein rascher Athemverriethen ihr seine Aufregung. Es gibt Augenblicke iin Leben, wo In jois kuit xeur, *)und dies war ein solcher Augenblick. j

Der junge Professor war leichenblaß geworden. Jetzt sollten seine armen verachteten iVerse keiner Kritik und kalten Analyse unterworfen werden, sondern Lob und warmenBeifall hervorrufen. Jetzt konnte er diese begeisterten Zuhörer mit poetischer Kraft durch-dringen und vor seinen Mitbürgern im unauslöschlichen Licht des Dichters, des des Lehrersder Menschen erscheinen! Solch ein Triumph hätte ein noch größeres Talent befriedigen >

und für noch schwereres Unglück entschädigen können. Mit der schnellen untrüglichen ^

Entscheidung des richtigen Urtheils hatte die Künstlerin aus dem umfangreichen Manus-cript gerade den Theil gewählt, welcher für die Zuhörer und die Gelegenheit paßte. Ein s

reizendes poetisches Miniaturgemälde schilderte die schöne alte Stadt im Mondschein einer -

Sommernacht die düstere Kathedrale, die Schloßbastei, die breite Loire , den belebten ^

Hafen, die waldigen Jnselchen. Dieses Bild mußte die hier aufgewachsenen Zuhörer !

rühren, und durch den ganzen Abschnitt ging ein Zug tiefer Trauer und glühender Vater-landsliebe. Ueberdieß erzählten die Verse von Begeisterung und Täuschung, von einemdurch gewöhnliche Dinge unbefriedigten Leben. Das Probestück eines jungen seiner Kraftbewußten Dichters hätte schärfer kritisirende Zuhörer befriedigen können, besonders weiles die wunderbare Stimme voll starken, biegsamen Klanges vortrug. Edelmüthig er-griffen die Zuhörer die Gelegenheit einen vom Unglück verfolgten Mann zu erheben.

Fast jeder der Anwesenden kannte die Geschichte des jungen Professors; ungewöhnlicherApplaus ertönte; man rief:Der Dichter! Der DichterI" Ein Zurückziehen war un-

*) Die Freude macht Furcht. Französisches Sprichwort.