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möglich. Bleich und zitternd, mehr gleich einem Schuldigen an der Gerichtsschranke, alseinem Helden im Augenblick seines Triumphes stand Etienne auf, versuchte zu lächeln undverbeugte sich rechts und links.
Noch nie hatte das Ehepaar eine so tiefe, gewaltige Bewegung empfunden; nach-dem der Beifallssturm vorüber, vermochten sie den Zwang nicht länger zu ertragen; siestanden ruhig auf, verließen das Theater und eilten schweigend und mit FreudenthränenHeini. —
(Fortsetzung folgt )
Zur Geschichte des Augsburger Theaters.
Von Klara Reichner.
VI.
Das alte Stadttheater und die neuere Zeit.
Es ist hier nicht der Zweck und die Aufgabe, den einzelnen Direktionen auf all'ihren verschiedenen Rosen- und Dornenpfaden zu folgen, doch sei wenigstens ein flüchtigerBlick» als eine Art von Rundschau, auf die neuere Zeit bis zu den letzten dreißig Jahrennoch geworfen. —
Nach dem großen, theatralischen Direktionen-Krach des Jahres 1806 erhielt dieConzession der Direktor Friedrich Müller, nebst Frau als ze'tweise Stellvertreterin, (einedamals sehr beliebte Methode l) und zwar auf sein Ansuchen gleich auf sechs Jahre, wo-für er sich verpflichtete, Winter und Sommer zu spielen. Mit einem Prolog des Augs-burger Tabaksfabrikanten und Magistratsraths Philipp Schmid wurde am 15. Sep-tember 1807 der einstweilige Jnterimszustand beschlossen, dessen Geschäftsführer der nun-mehrige Direktor gewesen, und die neue Aera eröffnet, durch welche in der That einebessere Zeit dein Stadttheater zu erblühen begann. Zahlreiche neue, mehr oder minderwerthvolle Produkte jener für unsere Literatur so fruchtbaren Zeit der „zweiten Sturm-und Drangperiode" gelangten, von, Beifall des Publikums begleitet, zur Darstellung;auch der erwähnte Augsburger Prolog-Dichter zeichnete sich nicht nur durch die damalssehr üblichen GelegenheitsDichtungen, wie: Prologe» Epiloge, Festspiele, welche zuweilenauch in Musik gesetzt wurden aus, sondern er war auch glücklich als Verfasser der zujener Zeit sehr beliebten Ritterstücke, — namentlich aus der Geschichte Augsburgs. —Das Personal der neuen Direktion bestand anfänglich aus 78 Personen und 10 Kindern,darunter tüchtige Kräfte ersten Ranges, außer berühmten Gästen. So schienen dennfreundlichere Sterne dem Theater Augsburgs leuchten zu wollen, Direktion und Publikumstanden sich gut dabei, und diese Periode durfte für die bis dahin hervorragendste inAugsburg gelten. Sechs Jahre aber sind eine lange Zeit, während welcher sich Mancherleides Wechselnden ereignen kann! Auch wirkte die unruhig-kriegerische Franzosenzeit nichtgünstig ein. Einmal — es war am 6. September 1809 und just der Beginn einerneuen Saison — gestattete sogar erst der derzeitige, französische Platzkommandant unddann der französische Gouverneur im letzten Augenblicke, als das Publikum schon aufden Plätzen sich befand, nicht die Eröffnung der Bühne. Erst drei Tage später durstedies geschehen, weil die übermüthigen Herren Franzosen der Ansicht waren, daß dieErlaubniß für öffentliche Vergnügungen ihnen, und nicht der Polizei-Direktion zukomme;— Direktor Müller hatte damals den Muth, dem anmaßenden Gouverneur-General desallmächtigen Kaisers Napoleon auf dessen Frage, wer ihm die Erlaubniß denn ertheilthabe, ganz ruhig zu antworten: „Se. Majestät der König von Bayern l" —
Auch diese traurigen Zeiten gingen allerdings vorüber, doch nicht ohne störendenEinfluß auszuüben. So wurde im Sommer, wegen der kriegerischen Zsstände — ent-gegen dem Vertrage — mehrmals nicht gespielt, außerdem aber verringerte sich dasPersonal und verschlechterte sich überhaupt die ganze Sachlage dadurch, daß der Direktor-Müller in verschiedenen Städten Gesellschaften besaß, und sich schließlich ganz durch seineFrau vertreten ließ, nachdem im Jahre 1813 sein erster bjähriger Contrakt abgelaufen