Nr. 27.
1883.
zur
„Ärrgslmrger Pojheitimg."
Mittwoch, 4. April
Fernande.
Aus dem Englischen von M. Betham-Edwards , übersetzt von Alice Salzbrunn.
.(Fortsetzung.)
3. Kapitel.
„O, wie bitter ist unsere Armuth!" lauteten Etienne's erste Worte beim Eintritt inseine Wohnung. „Morgen, wenn ich unserer Wohlthäterin meinen Dank ausspreche,werde ich der einzige anwesende Dichter sein, welcher ihr keine Blumen anbieten kann."
„Sie wird keinen Dank verlangen", sagte Fernande in Erinnerung an die Gut-müthigkeit, mit welcher sie empfangen worden war, „und auch keine Blumen; —" siewollte hinzufügen, ihr Tisch war mit Bouquets bedeckt; aber sie besann sich und sagte:„Aber obgleich wir NickM für sie thun können, wer weiß, was sie für uns thun kann?"
„Ja, wer weiß!" rief Etienne. „Sie kann mich mit Pariser Verlegern bekanntmachen, und ich kann sogleich literarische Beschäftigung erhalten. Jedenfalls kann derheutige Abend nur gute Wirkung haben» Ich bin nicht mehr ein armer Wicht in oenAugen meiner Mitbürger."
„Wie die Leute Beifall klaschten! O, ich bin zu glücklich!" rief Fernande. Sieweinte wieder vor Freude, und als sie sich zur Ruhe legte, geschah es, um zu träumen,nicht um zu schlafen. Auch Etienne brachte die Nacht schlaflos zu, aber wie verschiedenwaren die Gedanken des Mannes und seines Weibes!
Fernande sah in diesem glücklichen Ereigniß die Aussicht auf eine verbesserte mate«rielle Lage, die Tilgung drückender Schulden, eine wohlgefüllte Vorrathskammer undlange entbehrte häusliche Behaglichkeiten. Die Anerkennung der Dichterkraft ihres Mannesgewährte ihr höhere Befriedigung als diese Gedanken, aber sie war eine Hausfrau undals solche durch die Entbehrungen des letzten Jahres tiefbetrübt. Sie mußte unwillkürlichan die materiellen Erfolge des unerwarteten Glückes denken, und ihre Phantasie schweifteweit bis zu einem Kanarienvogel, einem Blumentisch und neuen Vorhängen, statt derverblichenen, rothwollenen, welche in den letzten Monaten ihren Schönheitssinn verletztharten. Etienne dagegen gab sich Träumen anderer Art hin. Die Pariser Verlags-buchhändler würden ihn aussuchen. Das Prognostikon, welches Madame Lorenzi ihmdurch die Vorlesung seines Gedichts gestellt, sollte ihn zürn Ruhm und Vermögen führen,vielleicht mit der Zeit zu einer hohen Stellung in der literarischen Welt. Er würde dieBekanntschaft geistesverwandter Männer machen, Bücher kaufen und reisen können, undvor Allem Werke schaffen, welche allgemeine Anerkennung finden müßten. Fieberhaft ver-ging den Beiden die Nacht und als der Morgen anbrach, konnte Etienne kaum diepassende Visitenstunde erwarten, um der großen Dame seinen Dank abzustatten. Fernandesah ihn weggehen, und die Sorgen waren fast aus ihren Zügen entflohen. Ihr Mannhatte sie zum Abschied zärtlich geküßt, er hatte beim frugalen Frühstück sein früheresheiteres Wesen gezeigt. Gewiß, ihre lange Prüfung war zu Ende, bessere Tage solltenkommen. Nach einer Stunde kehrte der junge Pofessor wieder zurück, sein Schritt schien