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beflügelt. Sie hatte ihn noch nie so lebhaft, so heiter gesehen. Auch aus seinem Gesichtwaren die Linien der Sorgen wie durch Zauberschlag verschwunden.
„Denke Dir", rief er eifrig, „Madame Lorenzi gibt heute in ihrem Hotel ein großesAbendessen, zu welchem alle hiesigen Literaten eingeladen sind, ich ebenfalls. O, dasedle Wesen dieser Frau! Sie wird unser Glücksstern sein, Fernande."
„Ich bin nie bei einem großen Abendessen gewesen", sagte Fernande einfach. „Eöwird für mich ein größeres Ereignis; sein, als für irgend Jemanden."
„Mein liebes Kind", antwortete Etienne mit leichtem Vormurf in seinem Ton,„Damen sind nicht eingeladen, Du natürlich auch nicht. Madame Lorenzi gibt ihr Ban-
quet den Dichtern, aus deren Werken sie gestern Abend vorgelesen hat, und nach dem
Essen will sie uns Kritiken mittheilen."
Fernande schwieg. Sie sah ein, daß sie keine Einladung erwarten konnte, undfühlte sich nichtsdestoweniger enttäuscht; jedoch nur für einige Minuten, sie war zu glück-lich, um an sich selbst zu denken. Sie sagte sich, er sei der Dichter, nicht sie, und wiehätte sie in solcher gelehrten Gesellschaft erscheinen sollen? Sie sah Etienne wieder mitheiterer Miene fortgehen, und als er spät Abends noch nicht zurückgekehrt war, legte siesich mit glücklichen Träumen zu Bett. Madame Lorenzi's deutliche Gunst bewies den
Wunsch, ihnen zu helfen. Sie sank bald in den liefen ununterbrochenen Schlaf der
Jugend und Hoffnung. Am andern Morgen hörte sie wieder eine fröhliche Nachricht,und leider folgte ivieder ein Rückschlag.
„Madame Lorenzi beweist mir entschieden ihr Wohlwollen", lauteten Etienns's ersteWorte. „Heute soll ich mit ihr röta-ü-tsto frühstücken, um über meine Pläne zu sprechen,und Nachmittags will sie mich dem Präsidenten der Kunstakademie vorstellen, einem Manne,der, wenn er wollte, mir morgen ein Amt geben könnte. Und denke, Fernande, einhiesiger Buchhändler, Pierre am Quai, erbot sich bereits zum Berleger meines Gedichts;aber ich will es nur in Paris erscheinen lassen. Ein Provinzialverlag drückt dem Bucheden Stempel der Unbedeutsamkeit auf."
„Erzähle mir Alles aus der Gesellschaft", sagte Fernande und suchte ihre unwill-ckürliche Verwirrung bei dem Gedanken an das tsts-ü-töta Frühstück zu verbergen. „Wardie Unterhaltung geistreich? Sprach Madame Lorenzi herrlich?"
„Ach, Fernande, sie ist eine unvergleichliche Frau!" rief der junge Professor vonwirklich dankbarem Enthusiasmus hingerissen. „Man wird von ihren Worten wie vonherrlicher Musik begeistert. Sie las uns aus unseren Werken vor. auch meine Verse,und wir mußten abwechselnd weinen und lächeln bei unseren eigenen Dichtungen."
„Das muß drollig gewesen sein", sagte Fernande fröhlich lachend.
„Das Uebrige muß ich Dir ein anderes Mal erzählen", sagte er, in seiner Brief-tasche blätternd. „Ich habe ein Dutzend Besorgungen für Madame Lorenzi zu machen.Sie hat uns Alle beschäftigt — Andrn, meinen alten Schulkameraden, dessen Gedichtevor einem Jahre veröffentlicht wurden, Bertrand, den Mitredakteur der hiesigen Zeitung,und Nager, den großen Schriftsteller aus Paris , der sich nur zuweilen herabläßt, seineGeburtsstadt und seine alten Freunde zu besuchen. Wir sind natürlich Alle stolz undglücklich, ihr dienen zu können; sie würde noch ein Dutzend ergebene Diener finden. Duweißt, sie ist auf einer Rundreise durch die Provinzen, und Alles muß vorher bestelltwerden."
„Hoffentlich wird uns etivas Gutes durch ihre Bekanntschaft zu Theil werden",sagte Fernande zweifelhaft und selbstsüchtig.
„Erfuhren wir das Gute nicht bereits?" entgegnete Etienne. „Es ist eine Gold-Mine für einen jungen Dichter von solcher Kritiken» anerkannt zu werden. Aber nundarf ich keinen Augenblick länger zögern."
Er eilte hinweg, und Fernande verlebte den langen Tag voll Einsamkeit und Hoff-nung, welche jedoch nicht mehr so ungetrübt war, als am vorhergegangenen Tags.