Ausgabe 
(4.4.1883) 27
 
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4. Kapitel.

Fernandcns eifersüchtige Gedanken hätten sich beruhigt, wenn sie gewußt, daß dieTragödin über ebenso viele weibliche als männliche ergebene Personen verfügte« Stetszum Wohlthun bereit war sie an Dankesbeweise gewöhnt, und ihre Ankunft in einemOrt gab das Zeichen zum Ausbruch eines Wetteifers unter ihren Bewundern. Die geringsteihr erwiesen« Dienstleistung wurde als ein Privilegium betrachtet. Die große Damebedurfte weder einen besoldeten Secretair, noch einen Ausläufer, noch eine Kammerzofe.Ein Dutzend angehender Literaten waren zu den erstgenannten Besorgungen bereit, wäh-rend bescheidene Theaterdamcn sich zu weiblichen Dienstleistungen anboten. Nie wurdeeine Königin der Tragödie königlicher und für geringeren Lohn bedient. Ein Lächeln,ein freundliches Wort, ein Händedruck schien Lohn genug, obgleich Madame Lorenzl oftsubstavzielle Gaben austheilte. Fernande blieb gänzlich außerhalb des belebten, fröhlichenKreises, dessen Mittelpunkt Madame Lorenzi war. Die Tragödin hatte keinen Wunschnach ihrer Bekanntschaft ausgedrückt, denn sie war bereits von mehreren erwartungsvollauf sie blickenden Dichtersrauen umgeben. Für die arme Fernande war daher eine täglichzunehmende Einsamkeit das einzige Ergebniß von Etienne's Triumph.

Wieder Aufträge? Wieder Einladungen?" fragte Fernande am Morgen des sechstenTages, als Etienue sich sorgfältig angekleidet und augenscheinlich im Begriff stand, denTag in gewohnter Weise zuzubringen.

Meine liebe Fernande", antwortete Etienne verletzt,Du grollst doch nicht überirgend einen Zeitaufwand, den ich dieser Dame widme?"

O, nein; aber ist etwas in Bezug auf das Gedicht geschehen?" fragte sie,besorgt den Hauptpunkt im Auge zu behalten.Hast Du Aussicht auf Beschäftigung?"

Ja, ich habe Aussicht"

Er sah sie durchdringend an und fügte sichtlich zögernd hinzu:Ich sollte auf kurzeZeit nach Paris gehen. Das wäre das Beste. Bist Du damit einverstanden?"

Thränen traten in Fernandens Augen, denn sie verstand augenblicklich, daß er nachParis reisen und sie allein zurücklassen wolle.

Wir müssen heute Abend darüber sprechen", sagte er hastig.Du wirst sehen,wie vortheilhaft es wäre, wenn ich dort sogleich durch Madame Lorenzi in literarischeKreise eingeführt würde. Wegen der anhaltenden Kälte will sie die Reise aufgeben undin acht Tagen nach Paris zurückkehren. Sie will Alles, was sie kann, für mich thun."

Fernande hörte ihn an und ließ ihn ohne ein Wort der Erwiderung weggehen.Als er am Abend wieder über seinen Plan sprach, sagte sie Nichts. Jede Einwendung,die nicht aus seinem Herzen kam, schien ihr nutzlos. Sie hörte traurig und erstaunt zuund fragte sich, welcher Zauber ihren Mann gegen seine Pflicht verblende. Konnt« diegroße Künstlerin mit ihrer fast kindlichen Gutmüthigkeit und ihrem herzgewinnendenLächeln eine Ahnung von dem Leid haben, welches sie bereitete? Etienne war stets zurBitterkeit und Unzufriedenheit geneigt gewesen, aber bisher hatte» nur die Wolken derArmuth ihr eheliches Leben getrübt. Beide besaßen kein Vermögen und keine Connexionen,sie hatten einander aus Neigung gewählt und waren im bescheidenen Wohlstand glücklichgewesen. O! Es war hart, dachte Fernande, daß sie in einen Fallstrick des Mißgeschicksgerieth, indem sie dem Glück nachging. Als sie mit dem Manuskript ihres Mannesunter ihrem Tuch schüchtern vor die große Dame trat, wie wenig konnte sie da solcheMöglichkeit voraussehen ein wachsendes Mißtrauen von ihrer Seite und eine wachsendeEntfremdung von seiner Seite. In diesen ersten Augenblicken des Schmerzes glaubtesie, daß ihr früheres Glück nie wiederkehren könne I

An einem frühen Morgen dem letzten des Jahres rüstete Etienne sich wiegewöhnhnlich zum langen Tagesauszug. Fernande konnte ihre eifersüchtige Gedankennicht langer zurückhalten. Bleich und hohläugig von durchweinter, schlafloser Nacht sagtesie, während sie den Kaffee in seine Tasse goß:Morgen ist der Neujahrstag, Etienne»