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Du wirst wenigstens diesen für mich behalte», nicht wahr? Wir haben kein Geld zumEinkauf der Geschenke, aber wir werden wie gewöhnlich Besuche machen."
Er trank rasch seinen Kaffee und that, als bemerke er ihren erwartungsvollen Blickund das Zittern ihrer Stimme nicht.
„Laß uns zuerst unsere Angelegenheiten ordnen, und dann unsere Neujahrsbesuchemachen, mein Kind. Du bist ehrgeizig, Fernande, Du wünschest mich als Dichter aner-kannt zu sehen; also kannst Du nichts gegen die Reise nach Paris haben. Was ist es,
wenn ich einige Wochen abwesend bin und mit reichen Mitteln zurückkehre?"
Diese übrigens wohlgemeinten Worte hatten einen unbeschreiblich barschen Klangfür Fernande. Vor einem Augenblick war sie bereit gewesen, sich an seine Brust zuwerfen und alle ihre Befürchtungen auszuweinen; jetzt blieb sie hoffnungslos stumm undkalt. Ein ihr unbekanntes Etwas in seiner Stimme, ein Hauch der Leichtfertigkeit schiensie mehr als je von ihm zu trennen. Als er nach einem kalten, hastigen Adieu wegging,fühlte sie eine Erleichterung allein zu sein; aber im Laufe des Tages wurde die Ein-samkeit immer unerträglicher. Sie hatte keine Lust zu ihren häuslichen Beschäftigungen;
sie konnte die Börse, welche sie zum Neujahrsgeschenk für Etienne gestrickt, nicht beenden— welch ein Hohn wäre jetzt solche Gabe! Endlich nahm sie Hut und Shwal und gingaus. —
Ein Sturm mit Regen und Hagel war vorübergegangen; jetzt schien die Sonne,und die Straßen zeigten das fröhlichste Treiben. Jedermann war ausgegangen, um dieNeujahrsausstellungen in den Ladenfenstern zu sehen und Einkäufe für morgen zu machen.Fernande fühlte sich trostlos verlassen, als sie den belebten Quai erreichte und sich inder Gartenanlage zwischen der Straße, der Eisenbahn und dem Fluß setzte. Auf der-selben Bank hatte sie vor vierzehn Tagen gesessen, als die verhängnißvolle Botschaft ihrzugeflattert; jetzt fuhr eine Equipage vorüber, in welcher ihr Mann und Diadame Lorenzisaßen. Es war durchaus nichts Außergewöhnliches in diesem Zufall.
Die große Dame hielt keinen Lakei und fuhr nie aus, ohne einen ihrer ergebenen,Diener zur Seite zu haben. Ihr Sammetkleid sollte nicht den Straßenschmutz streifen,wenn sie unterwegs ein Zeitungsblatt oder eine Schachtel Bonbons zu kaufen wünschte.Jemand mußte sie dieser Mühe überheben, und stolz und glücklich war die von ihr be-vorzugte Person.
Heute war Etienne an die Reihe gekommen; kein Wunder, daß sein Gesicht vorFreude glühte, während er der von Witz und Verstand sprudelnden Unterhaltung seinerGefährtin zuhörte; kein Wunder, daß er in dieser Stunde Fernandens angstvolle Blickeund die daheim nagenden Sorgen vergaß.
Die unglückliche junge Frau legte jedoch seiner lebhaften Fröhlichkeit eine ganz andereBedeutung bei, als den Reiz einer Stunde, die Zerstreuung eines Tages. Mit ent-schlossenem Gesichtsausdruck und einem Herzen, in welcher» die Hoffnung erstarken war,stand Fernande auf. Sie zog ihren Schleier vor das Gesicht und entfernte sich eilig ineiner ihrer Wohnung entgegengesetzten Richtung. Wie traurig sind oft die Folgen eureseinzigen Mißverständnisses!
(Schluß folgt.)
Goldrörner.
glückselig nenne ich den, der, um zu genießen, nicht nöthig hat, Unrecht zu thun und, um recht^iu handeln, nicht nöthig hat, zu entbehren. Schiller.
Es tauscht der Mensch den Vortheil der GesellschaftNur für die Freiheit seines Herzens ein;
Je größer jener Vortheil, desto mehrGeht auch von dieser Freiheit uns verloren;
Denn immer zwingender, je höher wirIm Leben steigen, ist die Macht der Dinge
Naupach.