Nur ein Mädchen.
(Aus der Selbstbiographie eines Säuglings.)
Da liege ich in einer schönen Wiege. Ich bin erst seit anderthalb Stunden aufder Welt. Üm mich her tiefe Stille, nur zuweilen tritt Jemand an die Wiege und zeigtmich verschiedenen Personen, die alle viel größer sind als ich und zum Theil Bärte haben,zum Theil auch nicht. Und dazu sagt sie in der Negel: „Nicht wahr, ein hübsches Kind?"Oder: „Ist es nicht reizend?" Worauf die Betreffenden wie unwillkürlich lächeln undsagen: „Sehr lieb." Dann rathen Sie wem ich gleiche. Es scheint, daß mein Wesenaus den Bestandtheilen verschiedener Personen besteht und daß ich eigentlich gar nichtseigenes besitze, denn aus dem bisher Gehörten muß ich annehmen, daß ich Mama's Augen»Papa's Stirne und Großpapa's Kinn habe, während auf meinen Mund mehrere Mit-glieder der Familie Anspruch erheben. Aus Eigenem habe ich also während meines kurzenDaseins recht wenig erwerben können.
Nun, das ließe ich mir noch gefallen, Eines aber verbittert mein junges Gemüth.Ein junger Mann steht neben den Besuchern. Dieser junge Mann ist mein Papa, demich schon so früh und wahrlich ohne meinen Willen Kummer verursacht haben mag. Dennsein Antlitz ist trüb und ernst, und manchmal zerdrückt er eine Thräne im Augenwinkel.Anfangs glaubte ich, er sei so bekümmert über den Zustand Mama's, welche in einemBette liegt, ganz nahe bei mir; aber Mama fehlt nichts. So viel merk' ich, daß ich etwasverfehlt habe, irgend eine Unbesonnenheit gethan — aber ich möchte wissen, was das istund bin auch entschlossen, dahinter zu kommen. Jetzt tritt Großmama in's Zimmer, miteinigen Visitkarten und Depeschen; lauter Gratulationen und sie zählt Mama die Namenauf. „Ernst, Dein Vater gratulirt ebenfalls", sagt sie zu Papa. — „Wie ist dasTelegramm abgefaßt?" fragte er. Großmama ließt vor: „Enkelchen willkommen, grüßeherzlich; Euch, meine Kinder, umarme küssend. Acht geben Lilla's Gesundheit. KommeAnfang nächsten Monats. Paul." „Hab's ja gewußt", sagte Papa düster. — „Washast Du gewußt?" fragt Großmama. — „Daß er erst nächsten Monat kommt, denn erhat ja vorher geschrieben: wenn es ein Junge ist, fliege ich, wenn aber ein Mädchen,dann krieche ich nur zu Euch. Er wird also kriechen."
Mit gespanntem Ohre hörte ich diese Worte, denn soweit mein jugendlicher Scharf-sinn sich auf Combinationen einlassen kann, mußten diese Reden den Schlüssel des Ge-heimnisses enthalten. „Ernst", sagt jetzt Großmama, „Du könntest wahrhaftig Vernunftannehmen. Sieh doch, die arme Lilla ist so gekränkt." — „Nun, in ein paar Tagenwird ja auch mein Verdruß verschwunden sein", sagt Papa etwas gereizt, „ab-r kann iches leugnen, daß ich heute meiner nicht Herr bin? Heute verdrießt mich das Ding, esärgert mich. Ich war meiner Sache so sicher." — „Nun ja, weil Ihr in EurerFamilie lauter Jungen habtl" — „Und dann", unterbricht sie Papa, „ist es nicht ver-drießlich, daß wir jetzt gar nicht wissen, auf welchen Namen wir sie taufen tollen?"Diese Worte Papa's waren sozusagen mit herzzerreißender Verzweiflung ausgesprochenund ich beginne nun allgemach zu fühlen, daß ich in der That einen großen Fehler be-ging, als ich gegen den Willen meiner lieben Eltern es wagte, als Mädchen geboren zuwerden. —
Die Großmama ist eine eifrige Verfechterin meiner Sache. Sie tritt zu mir lüftetmeinen Schleier und betrachtet mich lange, dann sagt sie: „Armer, kleiner Wurm! Darumhast Du geboren werden müssen . . . Aber die Vater sind so egoistisch! Sie denken nuran sich. Sie brauchen einen Sohn, der ihren Namen führt, damit der Name, der großeName, der Familienname nicht aussterbe. Damit Jemand da sei, der Cariöre macht, sodaß ihre Eitelkeit sich darin bespiegeln kann. Und so oft er etwas Großes vollbringt,können sie dann sagen: Das ist mein Sohn! Wie aber, wenn er ein Lump wird, einSchuldenmacher, ein Wechselritter, oder wenn man ihn im Krieg oder Duell todtschießt?— Da lob' ich mir doch ein Mädchen! Das ist ein ganz anderes Ding. Der Sohn,wenn er erst einmal aus Papa's Schublade eine Cigarre gemaust hat und ihm davon