— 214 —
Übel geworden ist, fühlt sich als ganzer Mann, Papa und Mama sind nicht mehr starkgenug für ihn und er kann es kaum erwarten, daß er aus dem Elternhaus« fortkomme,als sein eigener Herr, dem kein Mensch mehr befehlen kann. Er wird ein Gast im Vater-hause» sein Heim ist anderswo. Die Tochter ist's» die die Flamme am elterlichen Herdeentzündet. Sie belebt, verschönt das Haus, sie erheitert es und erwärmt es in trübenStunden» Wenn man sie dann hinwegführt — denn man führt sie, sie geht nicht —scheidet sie unter Thränen vom theuern Heim und sie sehnt sich stets dahin zurück. IhreHeimath ist das Elternhaus» wohin sie heimzukehren pflegt, auch dann, wenn sie eineneigenen Herd besitzt . . . Und wenn ihre Eltern alt geworden, wer besucht sie in ihrerEinsamkeit, wer eilt zu ihnen, sobald das geringste Unheil droht, wer pflegt sie und istihre beste Stütze? Die Tochter! Und dennoch wird sie so unfreundlich empfangen."
Diese Rede, welche meine Aufmerksamkeit nicht wenig ermüdete, mag auf Papadoch einigen Eindruck gemacht haben, denn er sagte in entschuldigendem Tone: „So hatteich's ja auch nicht gemeint" .... Dann war Alles still. Mir aber war Klarheit ge-worden. Jetzt erinnerte ich mich an den sonderbaren Ausdruck, init dem ich gleich, alsich mich zum ersten Male im Zimmer umsah die Leute hatte sagen hören: „Ein Mädchen!"Neue Besuche erschienen, lauter Verwandte. Ich werde Allen gezeigt und die Meistensehen mich mit einer gewissen Geringschätzung an. Und immer wieder das Bedauern:Schade, daß es kein Junge ist." Schließlich wird diese verächtliche Behandlung selbstPapa zu arg. Ich gewahre mit Befriedigung, daß er sich gegen den Einen und denAndern in Vertheidigungsstellung setzt. Besonders einen jungen Vetter hat er ordentlichgezaust, weil derselbe etwas spöttisch bemerkt hatte: „Siehst Du, Ernst, Du hättest nichtim Voraus so groß thun sollen!" — „Na warte nur", entgegnete Papa, „das Mädchensoll nur groß werden, die wird einmal eine Ballkönigin, wie sie im Buche steht, aberDeine zwei Buben sollen sich um sie die Beine umsonst ablaufen." Ich muß gestehen,daß dieses Vertrauen in meine dereinstige Eroberungsfähigkeit meiner zarten Seele wohl-that und mich einigermaßen mit dem bisherigen mürrischen Benehmen Papa's gegen michversöhnte. Ueberhaupt beginnt er sich zu ändern. Je mehr man ihn hänselt, destoeifriger vertheidigt er mich. Einmal hat er sogar schon gesagt, er freue sich, daß ich ei»Mädchen geworden, und hat hierfür dieselben Argumente angeführt, welche Großmamaeben erst gegen ihn gebraucht hatte. Diese Mannsleute sind doch ein drolliges Völkchen;ihre Ueberzeugungen wenigstens stehen auf recht schwachen Füßen.
Plötzlich kam ein eigenthümlicher Laut vom Bette her. Wie leises, verhaltenesSchluchzen. Auch Papa hat es gehört und sieht sich erschrocken um. „Was hast Du,Lilla?" sagt er, indem er hastig an's Bett tritt. „Was sehe ich? Du weinst? Um Gott,diese Gemüthsbewegung könnte Dir schaden!" Mama antwortet nichts, das Schluchzenwird leiser, nur ab und zu bricht es in einem abgerissenen Laute los, mit einem tiefenSeufzer vermischt. „Warum weinst Du, mein Kind?" fragt Papa recht besorgt. AberMama erwidert kein Wort. Papa redet ihr bittend zu, er gibt ihr die liebsten Namen;umsonst, er kann ihr Herz nicht erweichen. Die Großmutter tritt ein und sieht erstauntdie Thränen auf Mama's Antlitz.' „Ich bin in Verzweiflung", klagt Papa, „Lilla willmir nicht sagen, was sie drückt." — „Und Du erräthst es nicht?" fragt Großmama. —„Wie sollte ich?" — „Du hast ja Deine Tochter noch nicht einmal geküßt!" — Papaspringt auf! „Darum weinst Du, Lilla?" Und rasch trat er an meine Wiege, hob michheraus, trug mich zu Mama hin, aus deren Augen nur Liebe, eitel Liebe mich anstrahlte.Mit diesem Ausdruck hat mich noch Niemand angesehen. Papa aber faßte mich, ich fühltedie Berührung eines Vaters, was mich ein wenig kitzelte, dann rief er: „Mein liebes,kleines Mädel!" Und er bedeckte mein Gesicht mir Küssen, so daß mich sein Bart ordent-lich stach und ich heftig zu weinen begann. „Um Gvttesmillen, Du erdrückst es ja!"sagte Mama, gebt es her!" Und man legte mich dicht neben sie auf die blauseideneDecke. Mama sah mich lange, lange an. Da verging mir das Weinen. „Bist Duglücklich?" flüsterte Mama. Und Papa küßte sie und sagte: „Ich bin glücklich."