Ausgabe 
(7.4.1883) 28
 
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Äugsdurger PostMimg."

28. Samstag, 7. April 1883.

I e r n a rr - e.

Aus dem Englischen von M. Beth am-Edwards, übersetzt von Alice Salzbrunn.

(Schluß.)

5. Kapitel.

In der Neujahrsnacht findet in ganz Frankreich ein feierlicher Gottesdienst zumJahresschluß und Gesang statt: Die sogenannte veiläo oder mitternächtliche Messe; undauf dieselbe folgen Geselligkeiten der Verwandten und Freunde beim heitern Festessen.Seit ihrer Verheirathung hatten Etienne und Fernande jedesmal einige Freunde aus derKirche mitgebracht und ihnen zu Ehren ein kleines Gastmahl bereitet. Aber an diesemNeujahrsfest konnten sie sogar an dieses bescheidene Vergnügen nicht denken und hatten auchkeine Einladung erhalten. Fernande liebte die Kirchenmusik. Bei dieser Gelegenheitwerden die schönsten Kompositionen der großen Meister in Orchestermusik und Solo-Gesängen aufgeführt; besonders die Klosterkapellen wetteifern miteinander in den musi-kalischen Leistungen zur Freude der versammelten Gemeinden. Vorzugsweise in die KapelleMariä Heimsuchung eilten die Musikfreunde, weil dort wohlgeschulte Stimmen und aus-gezeichnete Orchestermusik zusammenwirkten. Die Klosterschwestern waren größtentheilsTöchter aus vornehmen Familien und führten ein beschauliches Leben. Ihre schwarz-gekleideten Gestalten hinter einem eisernen Gitter bildeten einen ernsten Gegensatz zu derfestlich gekleideten Versammlung in der mit Blumen, Guirlanden und Bannern geschmückten,glänzend erleuchteten Kapelle. Lange vor Mitternacht war der Raum derselben gedrängtvoll. Trotz des sehr unangenehmen Wetters kamen große Schaaren zu der erhebendenJahresfeier.

Nach einen: heiter verlebten, dem Dienste der Künstlerin gewidmeten Tage warEtienne von Madame Lorenzi entlassen worden.

«Es ist Sylvester-Abend", sagte sie freundlich,Ihre Frau wird Ihre Begleitungzur Kirche wünschen. Ich bin zu einem Abendessen und zu einer vsilss eingeladen.Wollen Sie morgen Ihre Frau zu mir führen? Wir können dann weiter über IhrePläne sprechen."

Etienne stammelte unvorbereitete Dankesworte; er fühlte sehr wohl, daß diese Ein-ladung zu spät kam. Er eilte jedoch in fröhlicher Stimmung heim, entschlossen sie vonder Wichtigkeit seiner Reise nach Paris zu überzeugen und ihre thörichte Eifersucht zuverscheuchen. Wenn sie nicht mehr den Etienne früherer Tage in ihm fand, so konnteer jetzt noch weniger die stets liebevolle, vertrauende Fernande in ihr finden. Zu seinemErstaunen war seine kleine Wohnung finster, kalt und verlassen, Fernandens Hut undShaw! nicht am gewohnten Platz. Die späte Stunde, das Ungewöhnliche ihrer Abwesen-heit, der kalte Abschied am Morgen fielen ihm schwer auf das Herz.

Fernande! Fernande!" rief er immer wieder vergeblich. Er setzte sich schwindliggeworden nieder; alle fürchterlichen Möglichkeiten gingen durch seinen Sinn. SollteFernandens Verschwinden eine unaussprechlich entsetzliche Bedeutung haben? Hatte die