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Entfremdung der letzten Tage sie in einer an Verzweiflung grenzenden Stimmung ausihrer Heimath getrieben? Er stand endlich auf und suchte nach einem Briefe oder Ab-Hchiedszeichen. Zufällig erblickte er daS leere Futteral ihres Gebetbuches; dieser unbe-deutende Umstand befreite ihn von seiner schlimmsten Furcht. Fernande war eine regel-mäßige Besuchen» der Maria-Heimsuchung-Kapelle und hatte mehrere Freundinnen unterden Klosterschwestern. Vielleicht war sie nur zu der mitternächtlichen Feier weggegangen.^Dennoch blieb sein Gemüth beunruhigt, und ein Scherz aus den ersten Tagen seiner Ver-Heirathung kam ihm in Erinnerung.
«Wenn Du je hart gegen mich bist", hatte Fernande mit dem glücklichen Vertraueneiner Neuvermählten gesagt, so werde ich einen Zufluchtsort bei den guten Nonnen suchen."
„Worauf er lachend geantwortet: „Auf Deine Gefahr! Ich würde Dich dem Lanves-gesetz gemäß durch zwei Gensdarmen holen lassen!"
Diese Scherzworte gewannen jetzt eine bittere Ironie; Etienne machte sich auf denWeg nach der Kapelle Mariä Heimsuchung und fühlte fast sicher, daß er Fernande dorttreffen werde. Er gehörte zu den ersten Ankömmlingen; aber obgleich die Kapelle nochHast leer war, hatten sich die Nonnen schon im vergitterten Raume versammelt. ZwischenHwei schwarz verhüllten Gestalten kniete dort Fernande in ihrem schwarzen Kleide undHangen Schleier kaum weniger düster! — Er erkannte augenblicklich die Wahrheit. SieHatte die in glücklicheren Tagen scherzhaft ausgesprochene Drohung verwirklicht. Sie hatteihren Mann vielleicht für immer verlassen wollen!
Unterdessen füllte sich die Kapelle; die Zeit verstrich und bald verklang ein Herr«liches Präludium der Orgel; dann folgte eine Aufführung der majestätischen Musik vonSpohr. Auf keinen der Anwesenden übten die Klänge eine so erschütternde Wirkung alsauf den Mann und die Frau, welche nur durch einen geringen Raum, aber durch einentiefen Bruch des Mißtrauens und Zornes von einander getrennt waren!
Fernandens Herz sehnte sich schon nach Etienne, und die Musik schien Liebe, Mit-leid-und Vergebung zu erbitten. Auch die feierliche Stunde stimmte sie weich. Manstand auf der Schwelle des neuen Jahres; jetzt war der Zeitpunkt mit allen MenschenFrieden zu schließen und vor allen Anderen mit dem geliebten Manns, mit welchen! siesich am Altar unlöslich verbunden. War er wirklich des Ehebruchs schuldig und siezu dieser Entfernung von ihm berechtigt? Gegen diese durch die Lehre der Kirche unum-stößlichen Mahnungen des Gewissens stritten leider die schmerzlichen Erfahrungen derletzten Zeit: Etienne's zunehmende Kälte, seine Bethörung durch die Pariser Dame, seinEntschluß mit ihr zu reisen.
„O, nein", seufzte Fernande beim Gedanken an das fröhliche Paar in der Equipage,E«s kann nie wieder wie früher zwischen uns werden. Mag er nach Paris reisen undNuhm und Reichthum zu gewinnen. Ich bin zu einfach zu seiner Gefährtin. Ich willmeine Tage im Klostersrieden beschließen, wenn er nicht zu mir zurückkehrt."
Lange nachdem die Kirche leer geworden und die Menge sich zerstreut hatte, warteteEtienne draußen und hoffte, Fernande werde kommen. Er war ebenfalls tief bewegt vonder Musik und dem feierlichen Gottesdienst; aber auch er dachte, gleich Fernande, mehron seinen eigenen Schmerz, als an den ihr verursachten Kummer. Sie war, nach seinerMeinung» so blind, so unüberlegt; sie wollte nicht einsehen, daß er nur an das Bestefür sie Beide dachte; daß er ebenso ihr Wohl und Glück als die Erfüllung seiner liebstenWünsche zu erfüllen suchte.
Sorgenvoll und erbittert kehrte er endlich nach Hause zurück; er tadelte sich selbst,Fernanden und das böse Schicksal. War eine glückliche Lösung dieser traurigen Verwick-lung möglich? Gleich Fernanden glaubte er, daß die frühere Einikeit nie wieder zwischenihnen herrschen könne.
6. Kapitel.
Der Neujahrsmorgen brach sonnig an, es war klares, schönes Winterwetter, undhie Güte und Freundlichkeit der Menschen wendete sich gleich der Sonne auch den Ver-