Ausgabe 
(7.4.1883) 28
 
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lassen«» zu. Beim Eintritt in seine einsame Wohnung fand Etienne bereits einigekleine Neujahrsgeschenke, welche durch das Fenster geschoben worden waren, wie es inFrankreich Brauch ist, wenn Niemand die Thüre öffnet. Die Augen des jungen Mannesruhten gleichgültig auf den mit bunten Bändern umwickelten Bonbonpacketen, den Gabenebenfalls unbemittelter Freunde. Jemand hatte eine reizende blühende Cyclame geschickt,die das Zimmer verschönte, aber Etienne freute sich nicht über die Blume. Er dachtean Fernande und an den Contrast zwischen diesem und dem vorigen Neujahrsmorgen.Trotz schwerer Sorgen war er damals glücklicher gewesen, denn keine Wolke trübte seineLiebe, Fernande tröstete ihn und wußte ihn in der Betrübniß zu Gott zurückzuführen.Der heilige Tag, das Bewußtsein eines neuen Lebensabschnittes stimmte ihn weich undsogar reuevoll. Er tadelte Fernande wegen ihrer Entfernung, aber er tadelte jetzt auchsich selbst, weil er ihr vie Veranlassung dazu gegeben. Ueberdies wie wenig konnte diegroße Dame aus Paris je für ihn sein! Wie unbedeutend war er in ihren Augen! AberFernande war sein Weib, und er wußte, daß er ihr Alles war.

Er betete jetzt um Vergebung seiner Gottvergessenheit, um Versöhnung mit seinerFrau. In seinen ernsten Gedanken störte ihn der Briefträger, welcher das Fenster indie Höhe schob und wie gewöhnlich rasch und schweigend die Briefe auf das Fensterbrettfallen ließ. Einer der Briefe, von ungewöhnlicher Größe mit einem Wappen gesiegelt,erregte Etienne's Aufmerksamkeit. Er nahm ihn und erkannte die Handschrift der Tragödinin der Adresse an seine Frau. Er brach das Siegel die Gatten hatten nie Brief-geheimnisse vor einander gehabt und er traute kaum seinen Augen beim Lesen fol-gender Worte:

Madame Lorenzi's Neujahrsgabe für Etienne Kalogne's Gattin."

Die Zeilen standen mit Bleistift unter einem offiziellen Document, in welchem derMaire und die Stadtverordneten auf Madame Lorenzi's Empfehlung den Dichter MonsieurEtienne Kalogne zur vacanten Stelle des Stadtbibliothekars beriefen und ihn ersuchten,sein Amt sogleich anzutreten.

Dieser Brief brachte weder Ruhm noch Reichthum, noch die Erfüllung seiner Lieblings-träume; aber er brachte die Anerkennung seiner Mitbürger, ein gesichertes Einkommen inehrenhafter Stellung und Muse zur literarischen Beschäftigung das war besser alsRuhm, dacht« Etienne im ersten Ausbruch seiner Dankbarkeit und Freude. Er war nicht»»ehr ein Bettler, und Fernande sollte nun eine gesicherte Heimath habe». An diesemTage versöhnten sich die Gatten und dankten fröhlich vereint ihrer Wohlthäterin. Dieäußerst gutmüthige, aber schalkhafte Tragödin erzählte Etienne erst jetzt wie sie in denBesitz seines Manuskriptes gelangt sei und daß er Fernanden die Verbesserung sein«Lage verdanke.

«»rdrsrner.

Niemanden kann seine eigene Gestalt zuwider sein; der Häßlichste wie der Schönste hat daSRecht, sich seiner Gegenwart zu freuen; und da das Wohlwollen verschönt, und sich Jedermann mitWohlwollen im Spiegel besieht, so kann man behaupten, daß jeder sich auch mit Wohlgefallen er-blicken müsse, selbst wenn er sich dagegen sträuben wollte. Goethe.

Die Mensche» zu lieben ist ein leerer Gedanke, aber in dem einzelnen Menschen den Repräsenkanten der ganzen Menschheit zu umarmen, ist eine Seligkeit, die nur erhabenere Seelen verstehen

M a h l m a n n.

Entschlossenheit gibt ein starkes Regiment, und ein starkes Regiment ist, wenn auch nicht dasbeste, doch das sicherste. Laube.

Wer aus dem Wagen der Hoffnung fährt, hat eine GefährtinSicher zur Seite. Das Glück? Nein dochl die Armuth, o Freund I

Herder,