Ausgabe 
(11.4.1883) 29
 
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ÄUIgdilrger PostMuug."

Nr. 29. Mittwoch, 11. April 1883.

Des Uörsters Enkelkind.

Original-Novelle von Mary Dobson.

(Nachdnick verbclni. G-Ietz vc»l 1I.VI. 70.)

I.

Einige Meilen von der romantisch gelegenen Residenz eines kleinen selbständigenFürstenthums entfernt, ineiner Berg- und Waldgegend des initiieren Deutschlands , findetder Leser noch heute Gut und Schloß Bodenwald, seit Jahrhunderte» im Besitz derFamilie von Bodenwald, und mit nur wenigen Ausnahmen stets von Vater und Sohnfortgeerbt. Beides nimmt ein von zwei zurücktretenden Bergreihen gebildetes Thal ein,während die reichen dazugehörenden Waldungen sich die Höhen Hinanziehen und tief in'sGebirge hincinerstrecken.

Das Schloß, ein zwar weitläufiges doch in architektonischer Beziehung schmucklosesGebäude, ist aus Sandstein aufgeführt, welche die Brüche der nahen Berge geliefert,wobei der Erbauer vor ulken Dingen die Sicherheit und den Nutzen der Bewohner imAuge gehabt, und weder auf Zierlichkeit noch Schönheit bedacht gewesen. Ungeachtet deräußeren Einfachheit aber hat das Innere des Schlosses Schätze aller Art auszuweisen;kostbare alte und wohlerhaltene Tapeten, Vorhänge und Möbel; reiches Silbergeschirr,das in den tiefen Wandschränken verwahrt gehalten wird; einen Ahnensaal, in dem infchwervergoldeten Rahmen die Familienbilder vom ersten bis zum letzten Besitzer hingen,und waren die eichenen Schränke auf breiten Korridoren mit Leinwand aller Art an-gefüllt, die unter der Aufsicht und wohl auch unter der Beihilfe der Frauen und Fräuleinvon Bodenwald angefertigt worden. Mit der Fronte gegen Süden errichtet, führteneinige breite Sandsteinstufen zu der geräumigen Vorhalle, von der man in sämmtlicheZimmer und Säle des Erdgeschosses und auch in's obere Stockwerk gelangte, wo be-sonders die Schlaf-, Kinder- und Fremdenzimmer sich befanden. Für die Haushaltungwaren im Kellergewölbe Räumlichkeiten eingerichtet, die daher einem Theil der Diener-schaft zum Aufenthalt angewiesen waren.

Vor dem großen Eingangsthor an der Landstraße zog sich ein breiter, zu beidenSeiten mit Pappeln bepflanzter Fahrweg zum Schlosse hinauf; abseits von diesem lagdas Verwalterhaus und sämmtliche zur Landwirthschaft erforderliche Baulichkeiten, wieauch die Häuser der Taglöhner und anderer zum Gute gehörender Arbeiter.

Alles dies übersah man theilweise von.den Fenstern des ersten Stockwerks auSund in weiterer Entfernung die Kirche, an der außer Bodenwald noch andere Güter undDörfer Theil hatten, mit dem Pfarr- und Lehrerhaus und der Schule, das Försterhausmit seinen Nebengebäuden, welches am Fuß eines Berges lag, und mit dem fnschrothenZiegeldach und sauberen weißen Anstrich weithin leuchtete, und sich gegen den grünenHintergrund freundlichst abzeichnete.

Die Rückseite 'des Schlosses blickte zunächst auf den weitläufig angelegten Garten,den zwar Rasenflächen, Blumenbeete und Treibhäuser, meistens aber schöne alte Bäume