Ausgabe 
(11.4.1883) 29
 
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schmückten, die sowohl Alleen bildeten, wie in Gruppen standen. Hinter dem Schloß-garten aber zogen sich die Berge hin, welche theilmsise dichtbewachsen, theilweise ausFelspartien bestanden, in deren Brüchen täglich Hunderte Arbeit und damit ihr Unter-kommen fanden.

Außer dieser Besitzung, nach welcher die Familie den Namen führte, gehörte ihrnoch eine andere, der Bacheuhof, etwa anderthalb Meilen von Bodeuwald entfernt, undvon einem dichten Buchenwald umgeben, der Herrenhaus- und Wirtschaftsgebäude fastgänzlich den Augen der Menschen entzog. Er halte stets eins eigene Verwaltung gehabt,und stand zur Zeit, wo diese Erzählung beginnt, unter der Leitung eines Inspektors.

Etwa im Jahre 183 . . gehörten beide Güter dem Herrn Friedrich von Boden-wald, einem im Lande und bei Hofe hoch angesehenen Beamten, der jedoch seiner Stel-lung wegen sie mit seiner Familie nur zur Sommerszeit bewohnen konnte. Er war einangehender Fünfziger, von hoher, kräftiger Gestalt, mit ernsten, strengen Gesichtszügen,hatte reiches, goldblondes Haar, scharfe blaue Augen, eine leicht gebogene Nase und einenbesonders schön geschwungenen Mund alles Merkzeichen und Familienähnlichkeiten dervon Vodenwald, welche in direkter Linie er mit seinen drei Söhnen es waren ihrervier gewesen, doch war der älteste vor zwei Jahren im Duell gefallen repräsentiere.Er war ein stolzer Mann, dem die Familienehre und sein alter Name über Alles ging,welchen letzteren seine Söhne noch lange zu erhalten verhießen, so daß den entferntenVettern wenig Aussicht auf eine reiche Erbschaft blieb.

Wie allgemein bekannt, hatte er seine Gemahlin nur ihrer Schönheit und ihres «

alten Adels wegen geheirathet, und da diese ein kaltes, berechnendes Herz besaß, und ü

ebenso selbstsüchtig wie schön war, so genügte ihr das Loos, die Gattin des ersten reichsten lMannes des Landes und die Mutter seiner Söhne zu sein. I

Wenn nun die älteren von diesen blühend kräftige junge Männer waren, bei denendie Familienähnlichkeit mehr oder weniger hervortrat, so wich der jüngste in seiner äußerenErscheinung weit von seinen Brudern ab.

Von jeher ein schwächlicher Knabe hatte er Anlage zur Brustkrankheit und eine !

leichte Krümmung des Rückgrats; auch hinkte er mit dem linken Fuß, was die Aerzte i

einem unglücklichen Fall in seinen ersten Kindheitsjahren zuschrieben, von dem indeß dieEltern nichts erfahren haben.

Durch alle diese immermehr zu Tage tretenden Leiden und Gebrechen war er ihnengleichgültig und lästig geworden, und früh schon dem Verivalter von Bodenwald undseiner Gattin übergeben, die keine Kinder besaßen, und den zarten Knaben mit großerLiebe pflegten und behandelten. Als er heranwuchs, ward er von dem Prediger desDorfes unterrichtet, hatte die Tochter des Försters als Gespielin, welche mehrere Jahre >

jünger als er war, einen lebhaften Charakter und ein heiteres Gemüth besaß, das beides ^

den stilleren Knaben anzog»

Da er nie die Liebe einer Mutter, die Sorge eines Vaters, das vertrauliche Zu-sammenleben mit Geschwistern gekannt, so war es kein Wunder, wenn er mit der ganzenLiebe, deren sein Herz fähig war, sich den Familien zuwandte, die ihn stets freundlichund zärtlich behandelten und der Gespielin seiner Kindheit mit besonderer Zuneigunganhing. Nach der Residenz kam er nur seit»«, und hatte auch keine Sehnsucht dorthin,er fühlte sich nur glücklich und heimisch in Bodenwald. Seit dem Tode seines ältestenBruders, des Majoratserben, den seine Eltern noch nicht verschmerzt, blickten sie, beson-ders der Landkammerrath fast mit Abneigung auf ihn, der allerdings eine traurige Ersche ->nung neben dem stattlichen jungen Mann gewesen, und letzterer hatte oft in seinem Herzengewünscht, daß das Schicksal ihm den Schwächling statt seines Lieblings, denn das warihm sein ältester Sohn gewesen, genommen.

Lassen wir nach dieser nothwendigen Einleitung die Erzählung folgen, und be- '

trachten wir was sich in früherer Zeit zugetragen, und erst in späteren Jahre» seinenAbschluß finden sollte.