Ausgabe 
(11.4.1883) 29
 
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II.

Es ivar zu Anfang Sommer; ei» schöner Julitag und im Schloß Bodenwald warddie Gutsherrschaft erwartet. Sie sollte diesmal mit den Söhnen und zahlreicher Diener«schast kommen» und Frau Bergmann, die Verwalterin, hatte sämmtliche Räumlichkeitendazu in Stand gesetzt. Anna Kohring, die siebzehnjährige Försterstochter war ihr dabeizur Hand gegangen, und beide freuten sich über ihr Werk, und schritten befriedigt durchalle Zimmer und Kammern, durch deren weitgeöffnete Fenster die warme balsamischeSommerluft eindrang.

Hier kann es die Herrschaft schon einige Monate aushalten", sagte das jungeMädchen, als Frau Bergmann die letzte Thür in der Vorhalle schloß und sich anschickte,diese mit ihrer Gefährtin zu verlassen.

Es ist Alles so prächtig und schön, als ob es für die Festlichkeiten selbst wäre!"

Es wird hier diesen Sommer viel Besuch erwartet", entgegnete freundlich dieVerwalterin.

Und daher hat die gnädige Frau mehr als sonst an diesen alten Räumen thunlassen, die dann den ganzen Winter wieder verödet dastehen!"

Schade ist's auch", nieinte Anna voll Erregung,daß das Schloß den größtenTheil des Jahres leer bleiben muß, und es könnten hier doch mehrere Familien wohnen t Wie anders würde es sein, wenn die Herrschaft immer auf Bodenwald lebte, undFremde und Gäste immer ein- und auszogen!"

Die Zeit wird auch kommen, Anna", antwortete zuversichtlich Frau Bergmann,und vielleicht schon früher als wir Alle denken. Wenn nur erst Junker Hugo eine an-gesehene Stellung am Hofe oder in der Verwaltung des Landes hat, und verheirathetist, dann wird der Landkammerrath sich gewiß bald zurückziehen, denn seit Junker Fried-richs Tode ist er nicht mehr derselbe und auch die gnädige Frau leidet an Nervenzufällen,die durch das aufregende Leben bei Hofe nur noch verschlimmert werden!"

Bei diesen Worten hatte Frau Bergmann die schwere Eingangsthür mit dem mächtigenSchlüssel versichert, und die Treppe hinabgehend sahen sie den Verwalter und Junkervom Felde kommen, wo Beide, wie an jedem Tage, beschäftigt geivesen.

Letzterer schritt grüßend dem Verwalterhause zu. Ersterer aber dem Schlosse, undhatte bald seine Gattin und Anna erreicht. Er war ein kräftiger Vierziger, und hattegleich seiner um mehrere Jahre jüngeren Frau ein freundliches wohlwollendes Gesicht.Ludwig von Bodenwald, jetzt einundzwanzig Jahre alt, und nur wenig größer als seine,einstige Spielgefährtin, entsprach dem bereits von ihm entworfenen Bilde, nur müssenwir hinzusetzen, daß, so zart geschnitten seine Züge auch waren, er vollkommen seinemVater glich, seine Augen aber waren meistens ruhig und freundlich blickend, obgleich sie'auch ernst und zornig funkeln konnten, und das goldblonde Haar fast in zu reicher Fülleden zierlichen Kopf des jungen Mannes umgab. Durch den fortwährenden Aufenthaltin der freien Luft, denn Junker Ludwig lernte die Landwirthschast, um den Buchenhofzu vermalten, war schon sein schwächlicher Körper gekräftigt, und seine leichtgebräunteGesichtsfarbe verrieth, daß er der Sonne, dem Wind und Wetter tapfer ausgehalten.

Wo nur die Wagen bleiben, di? mit den Leuten und dem Gepäck schon hier seinsollten", begann nach seiner Uhr sehend der Verwalter.Es geht auf zwölf und derLandkammerrath hat mir doch sagen lassen, daß sie frühzeitig hier sein würden!"

Sie haben sich vielleicht verspätet", meinte Anna, die ebenfalls für die Ankunftder Gutsherrschast ein reges Interesse empfand.

Wenn nur kein Unglück geschehen ist", sagte die Verwalterin, welche bemerkte,daß Junker Ludwig unter den Pappeln dahinschritt.

Wie kommst Du nur darauf, Frau?" entgegnete ihr Gatte, der selbst sich einigerBesorguiß nicht erwehren konnte.Welches Unglück sollte denn geschehen sein?" Alsgestern der Bote die Stadt verlassen, ist Alles wohlauf gewesen, und Jeder hatte mitgroßem Eifer zur Fahrt hierher gerüstet!"