228
„Zwischen gestern Nachmittag und jetzt liegen fast vierundzwanzig Stunden, in denenmancherlei vorgefallen sein kann", antwortete Frau Bergmann, während Alle langsamweiter gingen; „dennoch wollen wir hoffen, daß meine Befürchtungen vergeblich gewesensind, und die Herrschaft diesen Abend glücklich ankommt!"
An der Thür des Verwalterhauses trennte sich Anna von dem Ehepaar und gingder Försterei zu.
Frau Bergmann begab sich in die Küche, um die letzte Hand an das Mittagsmahlzu legen, ihr Gatte aber setzte sich an's Fenster seiner Arbeitsstube und griff zu derbereitstehenden Pfeife und den Zeitungen, welche am vergangenen Nachmittag der Boteaus der Stadt mitgebracht.
Anna hatte kaum den Gutshof überschritten, als Junker Ludwig zu ihr trat, dessenGesichtszüge und Augen eine ungewohnte Erregung verriethen. Das augenblicklicheSchweigen unterbrechend, sagte sie:
„Bist Du auch um die Wagen besorgt, Ludwig, die noch nicht gekommen sind?"
„Die können sich leicht verspätet haben", entgegnete er lauter, als er sonst zu redenpflegte, „ich aber habe nicht eininal daran gedacht", und dies sagend, folgte er ihr aufdem Wege nach dem Försterhause.
„Bergmann's scheinen sich über ihr Ausbleiben zu ängstigen — —"
„Und weshalb? — Meine Eltern waren gestern wohl und munter, und von meinenBrüdern wissen wir das ebenfalls — lassen wir sie aber allesammt, Anna, denn ich mußmit Dir sprechen, so lange ich dies noch ungehindert und ungestört kann, zuinal wir unsin diesen Tagen trennen werden!"
Die Försterstochter war ernst geworden, und ihrer auch begann sich eine seltsameErregung zu bemächtigen. Sie suchte sich jedoch zu beherrschen, und die sonst so leb-haften, dunklen Augen mit ruhigerem Ausdruck auf ihren Begleiter haftend, fragte sie:
„Was könntest Du mir gerade heute zu sagen haben, Ludwig?"
„Das fragst Du, Anna?" antwortete er schnell und mit einer Heftigkeit, die mandem sonst so ruhigen Junker kaum zugetraut hätte. „Laß uns hier in Euren Gartenabbiegen, wo wir, da Deine Eltern erst am Abend aus L. zurückkehren, ungestört seinwerden!"
Anna, die stets die Fllhrerin und Leiterin ihres einstigen Spielgefährten gewesen,wie sie ihn immer beherrscht hatte, folgte ihm jetzt schweigend ohne sich zu fragen wassie von ihm hören und vernehmen werde. Ihr Herz sagte ihr dies, und ungeachtet ihrersiebzehn Jahre wußte sie was sie ihm zu antworten habe, sie die Försterstochter demJunker von Vodenwald.
(Fortsetzung folgt.)
Goldkörner.
Die biegsame Organisation der Frauen läßt ihnen ost im Alter Kräste übrig, die dem Mannefehlen, so daß die Frau, welche sonst den Mann als Ueberlegcnen anerkannte, nun selbst als Ueberlegeneihm zu dienen und sein Herz zu erfrischen vermag. - N e ck e r - S a u s s u r e.
Selbst die unschuldigsten Freuden der Sinne gleichen den Blumen: sie sterben, sobald sie ge-brochen sind. Geliert.
Reißt den Menschen aus seinen Verhältnissen; und was er dan n ist, nur das ist er.
Was geboren ward, muß sterben:
Was da stirbt, wird neu geboren.
Mensch, Du weist, was Du wärest,
Was Du jetzt bist, lerne kennen,
Und erwarte, was Du sein wirst. Herder.
Die Menschen fürchtet nur, wer sie nicht kennt,
Und wer sie meidet, wird sie bald verkennen. Goethe.