Ausgabe 
(14.4.1883) 30
 
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trauriges Leben führen, wie vielleicht mein Vater meint, und bei meinen Schwächen undGebrechen für mich angemessen hält, nein, ich will, wenn es möglich ist, glücklich werdenund mir heute die Gewißheit sichern!"

Was willst Du thun, Ludwig?" fragte Anna und versuchte vergeblich ihm ihreHand zu entziehen.

Was ich thun will, Anna?" entgegnete er in tiefem, bewegtem Ton, und seineAugen blickten voll Liebe in die ihrigen, die sie schnell senkte.Ich will Dich fragen,ob Du, die bisher meine liebe, theure Schwester gewesen, und als solche das Leben desarmen Ludwig von Bodenwald erheitert und beglückt hast, nach zwei Jahren die Meine mein Weib werden und mit mir auf dem Buchenhof leben kannst und willst?"

Ludwig", brachte kaum hörbar Anna hervor, und er fühlte ihre Hand, die sienicht zu befreien vermocht, in der seinen zittern.

Antworte mir, Anna", fuhr er noch leiser fort,kannst Du Dich dazu entschließenund mir schon heute das Versprechen geben?"

Hast Du auch bedacht, was Du forderst?" fragte Anna ebenso leise.

Er hatte sie mißverstanden und erwiderte schnell und mit erregter Stimme:

Ja, Anna, ich weiß, was ich von Dir fordere, von Dir dem blühenden lebens-frohen Mädchen, dem es jedoch vielleicht unmöglich erscheint, Demjenigen einmal als Gattinanzugehören dem es bisher wohl nur aus Mitleid Freundlichkeit erwiesen!"

Ludwig", antwortete Anna in schmerzlichem Ton,Du thust mir bitteres Unrecht,und eine solche Anschuldigung habe ich nicht um Dich verdient!"

Du könntest also darauf eingehen, mit mir, als mein geliebtes Weib, denn, Anna,so lange ich über meine Gefühle klar zu denken vermag weiß ich, daß ich Dich mit allerKraft, deren mein Herz fähig ist, liebe, auf dem Buchennof zu wohnen, der dann einParadies für mich sein würde?" rief freudig der Jüngling aus.

Ja, Ludwig", entgegnete mit tiefer Bewegung die Försterstochter, und blickte vollLiebe auf ihren einstigen Spielgefährten, dessen Augen jetzt eine unbeschreibliche Freudeausdrückten,ich will Dein Weib werden, sobald Du mich von meinen Eltern forderst,will Dir durch meine Liebe zu ersetzen suchen, was Du seit Deiner ersten Kindheit schonentbehrt"

Anna, sprach Ludwig mit sichtlicher Rührung und umschlang sie zugleich mitleidenschaftlicher Zärtlichkeit,Ana, meine Braut!" und Alles um sich her vergessend,tauschte das jugendliche Paar den Verlobungskuß aus.

Dann entrang sich Anna plötzlich seinem Arme, und sagte hastig und mit ver-ändertem Gesichtsausdruck:

Ludwig, meine Frage, die Du mißverstanden und unterbrochen"

Worauf bezog sie sich, Geliebte?"

Auf Deine Eltern! Dein Vater"

Wohl wußte ich, daß dieser Einwand Deinerseits kommen wurde, und so langeich auf diese Stunde der Entscheidung gewartet, habe ich mich auch vorbereitet, ihn zu wider-legen!"

Und was wird Dein Vater, wenn Du ihm unsere Verlobung mittheilst, sagen?"

Er wird sich wundern, daß ich gewagt sie einzugehen!" antwortete Ludwig vonBodenwald mit einer Ruhe und Sicherheit, die Anna bisher noch nicht an ihm gekannt.

Er wird sie für nichtig erklären und Dir gebieten sie aufzulösen!"

Das kann er nicht, denn ich bin mündig und damit Herr meiner Handlungen!"

Dein Vater wird Dich enterben, wenn Du Dich seinem Willen widersetzest"

Auch das kann er nicht, Anna", entgegnete zuversichtlich ihr Verlobter,denn ermuß unsern Familienbestimmungen gemäß handeln. Während der langen Abende desvergangenen Winters habe ich mich mit den alten Papieren bekannt gemacht, die im Wand-Schrank meines Vaters Arbeitszimmer verschlossen liegen, darin aber nicht gefunden, daßein Bodenwald seinen Sohn enterben kann, wenn dieser eine Bürgerliche heirathet!"