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Dir auch keinen Boten schicken konnte, so fürchtete ich, Bodenwalb verlassen zu müssen'ohne Dir dies selbst mitgetheilt und Abschied von Dir genommen zu haben."
„Wie glücklich macht mich Deine Liebe und Sorge, Anna", entgegnete gerührt derjunge Mann, „aber ich werde sie Dir vergelten, sobald Du meine Gattin bist! —"
„Aber nun höre auf das, was ich Dir und Deinen Eltern mittheilen wollte. Ichhabe von meinem Vater einen Brief erhalten — —"
„Aus Neapel ?" Und wie befindet sich Deine Familie?" fragte Anna schnell.
„Ueberzeuge Dich selbst!" erwiderte er, ihr das Schreiben reichend, welches sie so-gleich und mit wechselndem Gesichtsausdruck las. Es ihm schweigend zurückgebend, fragteer in bitterem Ton:
„Nun, was sagst Du zu diesem ersten Brief meines Vaters, der erst im neuenJahr einen zweiten von mir haben will, und mir nicht einmal die Freude gönnt, dasalte Eulennest, wie er sonst immer den Buchenhof genannt, freundlich und wohnlich ein-gerichtet zu haben!"
„Ludwig rege Dich nicht wieder auf", bat Anna voll Besorgniß auf seine flam-menden Augen und glühenden Wangen blickend.
„Das habe ich zu Hause gethan, jetzt aber denke ich ruhiger über die Sache, undauch darüber, daß er sich nicht einmal nach meinem Ergehen erkundigt, während er dochmehrfach Hugo's Gesundheit erwähnt!"
„Du bist, dem Himmel sei Dank, jetzt wohler und kräftiger als sonst — —"
„Da hast Du recht, Geliebte, wozu auch immer wieder der Lieblosigkeit meinerEltern erwähnen! —"
„Doch ich will jetzt zu Bergmann's gehen und hören, was ich noch weiter ausNeapel erfahren werde. Nachher komme ich noch einmal hierher, um Abschied von Dirzu nehmen, und Deine Eltern, wenn sie zurückgekehrt sein werden, zu sehen!"
Der junge Gutsherr verließ das Försterhaus und begab sich nach der Verwalter-wohnung, Anna aber blickte ihm in der Dämmerung nach, bis er ihren Augen ent-schwunden war und begab sich dann an einige häusliche Arbeiten, die sie wie allabend-lich zu besorgen hatte. So verfloß ihr schnell eine Stunde, dann kamen die Eltern heim,die sie mit herzlichem Gruß empfing und ihnen zugleich mittheilte:
„Ludwig ist diesen Nachmittag hier gewesen, er hat einen Brief von seinem Vatergehabt! —"
„Was mag der Landkammerrath geschrieben haben?" fragte der Förster mit einemforschenden Blick auf seine Tochter, die ihm ruhig aushielt und erwiderte:
„Du sollst den Brief selbst lesen, Vater. Er hat ihn unter die Zeitungen gelegt!"
„Ist der Junker schon wieder zurückgefahren?" fragte die Försterin.
„Nein, Mutter, er ist bei Bergmann's und wird nachher wiederkommen!"
Den Brief von der bezeichneten Stelle nehmend, begann der Förster ihn zu lesen.Seine Züge umdüsterten sich dabei immer mehr, und als er bis zum Schluß gelangt»sagte er, ihn auf den Tisch werfend:
„Eine schöne Epistel das, an seinen jüngsten Sohn, der mit seinem schwächlichenKörper schon weit mehr geleistet, als einer seiner Brüder, für die er vielleicht noch garSchätze sammeln soll. Es wird aber immer so bleiben und ein Glück ist'S, daß er ge-sund geworden ist, und selbständig in der Welt dastehen kann!"
Als Ludwig von Bodenwald im Försterhause, wo er noch einige Stunden geblieben,in herzlichster Weise, denn das gestattete ihr früheres Verhältniß, auf längere Zeit vonAnna Abschied genommen und sich entfernt, diese selbst aber sich in ihr Stübchen begeben,da sagte der Förster, welcher noch einen Blick in die Zeitungen thun und wie allabendlichseine Pfeife rauchen wollte, in ernstem Ton zu seiner neben ihm sitzenden Gattin:
„Es freut mich, Frau, daß es soweit gekommen ist und Anna, wenn wn sie auchüberall entbehren werden, einstweilen fortgeht, denn ich fürchte, ich fürchte —"
„Was?" fragte die Försterin schnell doch anscheinend unbefangen.