Ausgabe 
(25.4.1883) 33
 
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Solltest Du es nicht ebenfalls bemerkt habe»/ und hast doch sonst ein scharfes,wachsames Auge auf Deine Umgebung?"

Doch, doch, Kohring, ich weiß, was Du sagen willst", entgegnete eben so ernstseine Gattin,und es ist schon lange meine stille Sorge gewesen, daß der Junker undAnna sich nicht mehr wie in früheren Tagen gegenüberstehen könnten!"

Mir ist kürzlich", versetzte der Förster,als sie Regensburgs Bewerbung so ent-schieden zurückgewiesen, dieser Gedanke gekommen, obgleich wir sie nie veranlassen würdeneinen so viel älteren Mann zu heirathen. Zu begreifen wäre es wohl"

Ja, denn die gebrechliche Gestalt abgerechnet, ist auch wohl der Junker im Stande,das Herz eines Mädchens zu fesseln, zumal diesem bisher nicht viele Vergleiche zu Gebotegestanden. Gesetzt aber, sie hätten sich in einander verliebt, so sollte mir das für beideTheile innigst leid thun, denn sie müßten doch dieser Neigung entsagen, und würde sieihnen nur eine schöne Erinnerung ihrer Jugendzeit bleiben!"

Und deshalb ist es gut, daß sie getrennt werden", antwortete der Förster, einigehastige Züge aus seiner Pfeife thuend.Sollte aber wirklich der Junker unserer Annamit der ganzen Kraft der ersten Liebe zugethan sein, so ist mir bange, daß er sie wederaufgibt, noch vergißt."

Das könnten aber schlimme Zeiten für uns geben", sprach traurig die Försterin.

Dennoch sind wir außer Stande, ihnen vorzubeugen", entgegnete ihr Gatte, fügteaber zugleich ermuthigend hinzu:

Mache Dir aber noch keine Sorgen, Frau, und laß uns vor allen Dingen Annaverbergen, was wir, und vielleicht ohne Grund, von ihr und dem Junker muthmaßen.Kommt Zeit, kommt Rath, und damit laß uns von dieser Sache abbrechen, über diewir uns aussprechen mußten", und sich in dicke Dampfwolken hüllend, nahm der Försterdie eine der Zeitungen zur Hand und schob seiner Gattin die andere hin.

Als Anna ihr Erkerstübchen erreicht, begab sie sich nicht, wie ihre Eltern angenommen»denen sie eine gute Nacht gewünscht, zur Ruhe, sondern überließ sich dem so lange zurück-gedrängte» Schmerz über die Trennung von dem Geliebten, den sie während vielerMonate nicht wiedersehen würde, und brach auf einen Stuhl sinkend in lautes Schluchzenaus. Wie lange sie so geweint, wußte sie kaum, doch vernahm sie endlich Fußtritte aufder Treppe, und sich leise erhebend, drehte sie, um vor jeder Ueberraschung sicher zu sein,den Schlüssel im Schlöffe um, überzeugte sich aber bald, daß es das Mädchen gewesen,welches sich in ihre Stube begeben wollte. Dann versuchte sie sich zu fassen, begannihre, nach und nach langsamer fließenden Thränen zu trocknen, und sagte, nachdem sienoch eine Weile sinnend und gedankenvoll dagesessen:

Sechs oder sieben Monate vergehen schnell, und dennoch dennoch kann in dieserZeit viel geschehen! Ludwig ist schwächlich, der Winter immer sein Feind gewesen,allein er wird um meinetwillen seine Gesundheit schonen, denn er weiß» wie unaussprech-lich ich mich ängstigen würde, wüßte ich ihn krank auf dem Buchenhof! Es kann abernoch Schlimmeres eintreten er kann sterben, auf immer von mir gehen o,«nein Gott !" stöhnte leise die bleiche Försterstochter,laß es nicht dazu kommen, schützeihn, erhalle ihn mir! Ohne sei» Dasein und seine Liebe würde auch das meinigebald enden, seinen Tod möchte ich nicht lange überleben!"

Von ihren schmerzlichen Gedanken überwältigt hielt sie inne, und fuhr erst nacheiner Weile fort:

Sollten wohl die Eltern eine Ahnung von Ludwigs und meiner Liebe haben?Ich glaube es, denn ich bin kürzlich so oft den forschenden Blicken des Vaters begegnet,und gewiß lassen sie mich nur aus dem Grunde so schnell von hier fortgehen! Wiemag nur alles enden, denn trotz Ludwigs Muth und Zuversicht ist mir so bange um'sHerz-«

Jetzt hörte sie unten die Hausthür öffnen, und vernahm zugleich die Stimme ihresVaters und des Jägerburschen, der wie allabendlich tue Schlüssel zu den verschiedenen