Ausgabe 
(25.4.1883) 33
 
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Stallungen gebracht. Dann ward die Hausthür verschlossen und verriegelt, ihre Elternbegaben sich in ihr Schlafzimmer, das unter ihrem Erkerstübchen lag, und so leise wiemöglich eilte auch sie jetzt, zur Ruhe zu kommen. Aber noch lange lag sie wachend undmit traurigen Zukunftsbildern beschäftigt da, und als sie endlich nach Mitternacht ein-geschlummert, verfolgten diese sie selbst in ihren Träumen.

(Fortsetzung folgt.)

Frühjahrshüte.

Der Berliner Feuilletonist Siegfried Haber schreibt:

In den Schaufenstern unserer Putzhandlungen liegen garnirte Damenhiite aus, welcheso ziemlich das Monströseste sind, was man seit langer Zeit gesehen hat: BabylonischeThurmbauten aus Stroh, mit Rändern, unter denen eine ganze Familie inklusive Kinder-wagen Schutz vor einem plötzlich ausbrechenden Platzregen finden könnte, aufgetakelt miteiner Wagenladung von knallig bunten Bändern, Vogelbälgen und künstliche» Obstsorten.

Wenn man diese Ungethüme zum ersten Male sieht, wird man ausschließlich voneinem Gefühl des Schreckens beschlichen. Das also sollen unsere des Tragens großerLasten ja so ungewohnten Damen in der kommenden Saison auf den Kopf setzen!Wahrlich, es ist kein Wunder, wenn bei dem Gedanken hieran ein Grauen jeglichesweibliche Wesen befällt.

Wäre nun der Frühling ganz plötzlich von gestern zu heute in's Land gekommen,dann hätte sich die gesammte Damenwelt in der fürchterlichsten Verlegenheit befunden:Sie würde gezwungen gewesen sein, sofort und ohne weiteres ihre Wahl zu treffen,respektive sich für einen derartigen Koloß zu enticheioen.

Die Natur aber, in ihrer unendlichen Milde und Güte, läßt Nachsicht walten. Anstraffem Zügel hält sie den Lenz zurück, damit das schwache Geschlecht Zeit gewinne, sichmit dem Gedanken an die unvermeidliche Kopfbethürmung vertraut zu machen. Auf dieseWeise ermöglicht sie den nachstehend in großen Umrissen charakterisiern Uebergang:

Erster Tag. Bor dem Schaufenster.Nein, diese Hüte! Das ist ja etwas geradezuScheußliches I"

Zweiter Tag. Bei einer Freundin.Hast Du denn schon die fürchterlichen Hütegesehen, die in diesem Jahre Mode sind? Ich glaube, ich würde mich nie entschließenkönnen, dergleichen zu tragen."

Dritter Tag. In einer Gesellschaft.Also die Kommerzienräthin P. trägt schoneinen solchen Hut? Nun ja, bei diesen Damen ist man ja von jeher an Extravaganzenaller Art gewöhnt."

Vierter Tag. Im Thiergarten.Sieh' mal, da geht eine mit einem solchen Hut.Dort wieder eine. Es sieht doch zu kurios aus! Das heißt, für manche Gesichterscheinen sie sehr kleidsam zu sein."

Fünfter Tag. Im Laden der Putzhandlung.Könnte man denn vle Garmturnicht weniger aufbauschen, und würden statt der drei reizenden Vögelchen nicht zweigenügen?»

Sechster Tag. In einem anderen Putzladen.Allerdings, ich sehe es wohl ein,eine weniger splendide Garnirung steht in keinem Verhältniß zu dem natürlichen Volumendes Hutes."

Siebenter Tag. Vor dem Spiegel in einem dritten Putzgeschäft.Da ist nichtzu leugnen, so gut wie dieser Hut kleidet mich kein anderer. Und sehr praktisch scheinensie zu sein. Gegen die Sonne zum Beispiel gibt es gar keinen besseren Schutz. Washaben die Männer skandalirt, als wir früher die kleinen Miniaturhütchen trugen! Undsie hatten wahrhaftig recht!"

Achter Tag» Zu Hause.Männchen, ich habe mir einen Hut gekauft, weißt Duso einen großen, mit vier reizenden kleinen Vögelchen d'rauf ich sage Dir: entzückend!"