262
Ueber die wahre Lage der Villa des Horaz .
Der gelehrt« Engländer James A. Lawson macht in einem interessanten Reise«bericht, den die neueste Nummer der „Times" veröffentlicht, wesentlich neue Mittheilungen.Er schreibt: »Von einem Freunde begleitet, der ein Kenner und 'Verehrer des Dichtersist, verließ ich Tivoli früh am Morgen, um in das Sabiner Land zu fahren. DerWeg ist die alte Villa Valeria und zieht sich durch eine reizende Gegend. Wir begegnetenden malerischen Ueberresten einer alten Wasserleitung und der sehr unmalerischen Formeiner neuen. Wir schauten hinab auf die Wendungen des „praooapa ^nio.^ Der erstebemerkenswerthe Ort heißt Vico Varo, ein Dorf, das hoch auf seinem Felsenfundamentesteht, die Straße beherrscht und sehr alte Unterbauten, auf dem es ruht, ausweist. Esist das Varia, zu dem fünf wackere Familienvater vom kleinen Gütchen des Horaz zugehen siegten, um als stimmfähige Bürger Theil an den in der Hauptstadt des Distrikteszu verhandelnden Gemeinde-Angelegenheiten zu nehmen. Der Weg rechter Handführt nach Subiaco , während der des Licenza-Thales links abgeht. Der Bach Licenza,Horazens Digentia, fließt mit klarem Wasser in der Tiefe des Thales weit unter unsdahin und eilt hastig dem Anio zu. Auf der anderen Seite des Baches liegt auf einemerhabenen Hügel ein Dorf, jetzt Cantalupo Bardclla genannt, das bei Horaz Mandelaheißt und von ihm wegen seiner erhabenen Lage als „ruAoous kriZors puZus" bezeichnetwird. Wir konnten uns den Dichter noch wohl vorstellen, wie er diesen Weg entlangschlenderte und die Dorfbewohner den Hügel Herabkommen sah, um ihren Wasserbedarfaus der an dessen Fuße dahinrauschenden Digentia zu schöpfen. Wir setzten dann unsere»Weg, der jetzt sehr verbessert und für Wagen fahrbar gemacht worden ist, bis an dasEnde des Thales fort, wo wir noch die Spuren der alten Straße, auf der Horaz zureiten pflegte, recht wohl unterscheiden konnten. Zunächst kamen wir in das Dorf RoccaGiovani, das auf einem Felsenhügel in einer beträchtlichen Höhe an der Seite des Bergessitzt, der das Thal zu unserer Rechten abschließt. Nach einer Fahrt von drei bis vierenglischen Meilen erreichten wir das Ende des Thales, das von allen Seiten von einemAmphitheater von Hügeln eingeschlossen ist. Hier hat man in der That vor Augen, wasHoraz mit den Worten beschreibt: „Lontinui nisi äisrooieiitur opuou Vnl's."
Die Fahrstraße hört auf; aber, wenn man zu Fuß über eine kleine Brücke geht, gelangtman auf einem steilen, felsigen Wege zum Dorf Licenza empor, das ein armer Ort istund keine Zeichen von Alterthum an sich trägt, allein von seiner hohen Lage einen herr-lichen Blick auf das ganze Thal gewährt. Hinter dem Dorfe ist ein Steigpfad, derzu einem höher gelegenen Dorfe, Civitella genannt, führt und von dort durch die Ge-birge nach Palombaro. Das Thal ist so ein oul-cks-ouo, und die Ausdrücke „vallisrockuvtrr" und „latebru« äulosn" bezeichnen seinen Charakter treffend. Als wir vondiesem Punkte hinabblickten und uns Horazens Beschreibung vergegenwärtigten, waren wirüberzeugt, daß die horazische Farm gerade unter uns auf dem rechten Ufer der Digentiagelegen haben mußte, von der einen Seite von diesem Flüßchen, und von der anderenvon einem kleinen Bache oder Zuflüsse der Digentia begrenzt war, die zu unserer Rechtenin's Thal hinabrauscht und in deren Laufe man die §ons Lunckuisnö, wenn sie über-haupt in dieser Gegend war, finden müßte. Das Gütchen des Dichters umfaßte einigeAcker bebautes Land, Weideplätze, einen Weinberg und einen Wiesengrund, der vom Bacheselber bespült war, mit einem Streifen Wald dahinter, der den Abhang deS Hügels be-schattete, welcher jetzt Comazzano und bei Horaz Lucretilis heißt. Wie weit des DichtersBesitzthum in das Thal hinabreichte, kann jetzt nicht mehr bestimmt werden; allein nachden,, was wir von seiner Ausdehnung nach der Beschreibung des Dichters schließen dürfen,konnte es nicht sehr groß gewesen sein, da es außer des Herrn Villa nur fünf kleineBehausungen für die Arbeiter enthielt. Sie lag so in einem Winkel „un§ulus ist,«"am Ende des Thales und erstreckte sich bis an die Ufer der Digentia. Auf diesen Punktlege ich ein besonderes Gewicht, denn er schien uns entscheidend und widerspricht der