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heilen des Gutes, wenngleich sie auch zuweilen kürzere Familienmittheilungen enthielten.
Letztere waren an den jungen Gutsherrn vom Buchenhof ausführlicher; er erfuhr,daß die Gesundheit seiner Eltern sich in Italien kaum gebessert habe, sein Bruder aberfast vollständig genesen sei.
Außer verschiedenen Bekannten, die sie während des Winters gesehen, war auchdie gräfliche Familie von Eschenbach in Neapel angekommen, deren älteste Tochter vonden beiderseitigen Eltern zur Gattin des Majoratserbcn ausersehen war.
Das junge Paar hatte sich kennen und lieben gelernt, die Verlobung im Februarstattgefunden, und sollte im Mai die Vermählung folgen.
Bei dieser wünschte der Landkammerrath seinen zweiten Sohn zu sehen; er trugihm auf, deshalb einen mehrmonatlichen Urlaub zu nehmen, und sobald wie möglich nachNeapel zu kommen.
Ein zweiter Grund zu dieser Reise war die Anwesenheit einer sehr reichen, jungenverwaisten Baronesse, die mit ihren Verwandten Italien bereiste, und dem Landkammer-rath so gut gefallen, daß er sie seinem zweiten Sohne als Gattin bestimmt.
Karl von Bodenwald erhielt leicht den begehrten Urlaub, und reiste im März nachNeapel , ohne jedoch, weder auf Bodenwald noch dem Buckenhof gewesen zu sein, wohinan den jungen Gutsherrn keine Einladung zur Hochzeit seines Bruders gelangt war.
Diese Lieblosigkeit der Seinigen kränkte ihn tief, entfremdete ihn seiner Familieimmer mehr, und befestigte in ihm den Entschluß, Anna Kohring so bald wie möglich !als seine Gattin heimzuführen.
So war der Mai herangekommen, das Hochzeitsfest seines Bruders in Neapel be-gangen worden, doch hatte er darüber noch keine nähere Nachricht erhalten. Eines Nach-mittags fuhr er nach Bodenwald, um sich nach Frau Kohring's Befinden zu erkundigen,die eine kranke Bauernfrau gepflegt, und von derselben Krankheit befallen worden war.
Auf dem Wege dahin übergab ihm der Postbote einen Brief seines Vaters, dener sogleich öffnete und zu lesen begann. Er enthielt die Schilderung der Hochzeitsfeier,an der sich mehrere der ihnen bekannten Familien betheiligt.
Nach der Festlichkeit war das junge Paar auf einige Wochen nach Sorente gegangen,um später mit der ganzen Familie eine nördlichere Gegend aufzusuchen. Außer dieserNachricht theilte aber auch der Landkammerrath seinem jüngsten Sohne mit, daß sein.Bruder Karl sich mit der Baronesse von Sommerfeld verlobt habe, die Hochzeit im Herbststattfinden, und die Neuvermählten ebenfalls im Winter in Italien bleiben würden.
Dieser Brief enthielt noch einige geschäftliche Mittheilungen, allein keine Erkundig-ungen nach Ludwig von Bodenwald's Gesundheit, oder überhaupt seinem Ergehen, undschloß, wie immer, mit einem Gruß seines Vaters, ohne der übrigen Familie weiter zuerwähnen.
Mit einer raschen Haudbewegung steckte der junge Mann das Schreiben wieder in dasCouvert, und dies ebenso heftig in seine Brusttasche, lehnte sich dann gegen die Wagenecke, i
und überließ sich seinem Nachdenken. Beim Anblick des Försterhauses, das ihm von»Eingang des Waldes her entgegen leuchtete, erheiterten sich seine Züge und er dachte:
„Anna wird in nächster Zeit zurückkommen und dann, sobald nur ihre Eltern ein-willigen bekommen die meinigen eine dritte Schwiegertochter, ich aber ein theures, liebesWeib, an dessen Seite ich bald meine Familie und deren Lieblosigkeit vergessen werde!"
Nach einer Weile ließ er halten, stieg aus und schickte den Wagen nach dem Guts-hof, (wohin er sich später ebenfalls begeben wollte), dann vernahm er die Stimme desFörsters, der aus einem Seitenweg kommend, ihn begrüßte, und bei dem er sich nachdem Befinden seiner Gattin erkundigte.
Es steht leider mit meiner Frau nicht gut, Herr von Bodenwald, entgegnete derFörster traurig, „und seit wir uns vor acht Tagen zuletzt auf dem Buchenhof gesehen, <hat das Fieber bedeutend zugenommen, so daß der Medizinalrath seine ganze Sorge undGeschickUchkeit aufbietet, um den Typhus abzuwenden!"