Ausgabe 
(28.4.1883) 34
 
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'Den Typhus ?« fragt« theilnehmend der junge Mann,dazu wird es hoffentlich

nicht kommen!"Wer aber pflegt sie?"

Seit einigen Tagen ist Anna wieder hier"

Anna?" wiederholte schnell der Junker, und dem Förster entging das freudigeAufleuchten seiner Augen nicht.

Sie wußte von der Krankheit ihrer Mutter", erwiderte dieser,und hatte in M.keine Ruhe mehr. Bergmann, der des Kornhandels wegen dorthin fahren mußte, hatsie mitgebracht!"

/Und ist Ihre Frau damit einverstanden?" fragte Ludwig von Bodenwald, der sich

von seiner freudigen Ueberralchung schon erholt hatte.

Gewiß, Junker Ludwig, und ich bin es ebenfalls, denn die Haushaltung kommtaus dem Geleise, wenn die kundige Hand sie zu leiten fehlt!"

Anna hatte vom Fenster aus die Männer herankommen sehen und Zeit gehabt,sich auf das unerwartete Wiedersehen ihres Geliebten vorzubereiten, und war daher imStande ihm mit ruhiger Freundlichkeit entgegen zu treten. Sie begrüßten sich mit herz-lichen Worten, und der junge Mann fügte theilnehmend hinzu:

Deine schnelle Rückkehr, Anna, die ich von Deinem Vater erfahren, hat einetraurige Veranlassung gehabt"

Ja, Ludwig", entgegnete Anna, welche sich schon durch einen prüfenden Blick über-zeugt, daß seine äußere Erscheinung sich nicht zu seinem Nachtheil verändert hatte,dochwolle» wir hoffen, daß bald alle Besorgniß überflüssig ist!«

Der Förster und sein Gast nahmen vor der Thür Platz» Anna aber ging in's Hauszurück, schickte ihnen einige Erfrischungen, ihres Vaters Pfeife und Cigarren, und begabsich dann wieder an das Krankenbett ihrer Mutter, welcher sie unbefangen erzählte, daßLudwig von Bodenwald gekommen sei, und mit dem Vater sich vor der Thüre befinde«Ungeachtet ihrer Krankheit beobachtete die Försterin ihre Tochter mit scharfem Blick, konnteaber keinerlei Veränderung in deren Zügen erkennen, und schloß die matten, fieberheißenAugen.

Unterließ hatte der Förster die Gläser gefüllt und seine Pfeife genommen, der jungeGutsherr aber den Brief seines VaterS aus der Tasche gezogen, und ihm reichend sagte er:

Lesen Sie, Kohring, oder haben Sie schon die neuesten Nachrichten aus Neapel erfahren?"

Der gereizte Ton des jungen Mannes fiel dem Förster auf, der ruhig erwiderte:

Bis diesen Mittag hatte Bergmann noch keine Nachrichten, Junker Ludwig"

Ich habe diesen unterwegs in Empfang genommen, lesen Sie auch, damit Sie er-fahren, daß mein Vater auch meinen Bruder Karl verlobt!"

> Der Förster kam der Aufforderung nach, und hüllte sich in immer dichtere Rauch-

wolke» «in, Junker Ludwig blies ebenfalls den Dampf seiner Cigarre schneller vor sich^ hin, und als Ersterer den Brief, den er zweimal gelesen, vor sich auf den Tisch legte,trat Anna hinzu und sagte in ganz unbefangenem Ton:

Du hast wohl Nachricht von Deinem Vater erhalten, Ludwig?"

Ja, Anna", antwortete er mit verfinstertem Gesicht,und wenn eS Dir Ver-gnügen macht, kannst Du lesen, daß mein Vater Hugo mit einer Gräfin verheirathrt,und Karl mit einer Baronesse verlobt hat!"

Anna, welche sich zu ihrem Vater gesetzt, las ebenfalls den Brief des Landkammer-raths, der dann in eingehender Weise von ihnen besprochen ward, doch konnten wederKohring noch seine Tochter, dessen Lieblosigkeit und Rücksichtslosigkeit gegen seinen Sohnbeschönigen noch vertheidigen. Anna war im Begriff in'S Haus zu ihrer Mutter zurück-zukehren, als der Jägerbursche erschien und ihrem Vater meldete, daß ein benachbarterLandmann ihn in der Baumschule zu sprechen wünsche. Kohring folgte dem Jäger-burschen, ünd kaum hatten sich Beide entfernt, als Ludwig hastig und mit unterdrückterStimme sagte: