Ausgabe 
(28.4.1883) 34
 
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Ueber Sie Anfänge des Vogelschießens.

Mancher unserer Leser hat wohl schon oft einen Schuß und noch dazu einen treff«lichen nach dem Vogel gethan, ohne zu wisse», daß er damit einem heidnischen Brauchehuldigte.

Der Gebrauch der Vogelschießen ist bekanntlich sehr alt und reicht hinab bis zu denverworrenen grauen Zeiten, wo in den germanischen Wälder» das Christenthum noch mitdem Heidenthum im Kampf« lag. Wie die durch Religionsvrrschiedenheit getrennten undzu wildem Haß gegeneinander getriebenen Völkerschaften sich gegenseitig zu vernichte»strebten, so machten sie ihren Vernichtungstrieb an ihren beiderseitigen religiösen Sym-bolen geltend. Die christliche Axt fällte die den Göttern der Walhalla gewidmetenheiligen Bäume, von denen mancher unter fanatischem Jauchzen seine Wipfel beugte, unddie Heiden Übte» das Vergeltungsrecht an dem Bilde der Friedenstaube, unter welchemdie Christen den heiligen Geist anbeteten. Zu diesem Zwecke schnitzten sie sich dergleichenSinnbilder unter ihren Händen wurden es freilich eher Zerrbilder befestigten siean Stangen und Bäumen und schössen nach ihnen mit Bogen und Pfeil, woraus späterdie sogenannten Armbrüste entstanden sind.

Diesen heidnischen Schießübungen verdanken unsereVogelschießen" ihren Ursprung.In manchen deutschen Landen, z. B. in Franken, heißen dieselben auch heute nochTaubknschießen." Auch findet man die Form der hölzerne» Vogel hin und wieder nochden Tauben ähnlich, wie man sie öfter in Kirchen abgebildet sieht.

Allmälig, als der ursprüngliche Zweck solcher Schießvergnügungen in Vergessenheitgrrjeth und dieselben sich zu volksthümlichen Festen erweiterten, wursen die Formen derVögel größer, mannigfaltiger zusammengesetzt und stattlicher.

Die friedlichen Tauben verwandelten sich in Adler, und im Schutze ihrer viel-fedrrigen Schwingen wurden Kleinode und Ehrenzeichen angebracht, auf welche die gr-wandten Schützen vorzugsweise gern zielten.

Wer das letzte Stück vom Vogel schoß, ward zum König ausgerufen und blieb indieser Würde bis zum nächst wiederkehrenden Feste und bis der neue Königsschuß fiel.

Bekanntlich ist das Alles noch heute so. Ehe aber dies« »Vogelschießen" eineSache des, wie wir aus der Geschichte wissen, oft ziemlich rohen und ausgelassenen Ver-gnügens wurden, hatten sie anfangs den Zweck, tüchtige Schützen zur Vertheidigung derStädte gegen äußere Angriffe und für den Krieg zu bilden.

Mehr oder minder ist dieser Zweck selbstverständlich in den Hintergrund getreten,doch begünstigt z. B. die österreichische Regierung noch immer die Büchsenschießseste inTirol aus den» nämlichen Grunde. Eine gleiche Bedeutung haben sie in der Schweiz .

Allgemeiner und mit Volks festlichkeiten verbunden wurde das Schießen nach demVogel im vierzehnten Jahrhunderte. Aber schon im vorhergehenden Jahrhundert wurdees in geselliger Weise geübt und die Städte Augsburg und Nürnberg sollen eS bereitsim Jahre 1286 aufgebracht haben.

In dem alten Preußen (Porussien) ward es wahrscheinlich zu Anfang des vier-zehnten Jahrhunderts eingeführt. Bis zum Jahre 1808 sollen sich noch Rechnungen derwaffenkundigenErasmus-Brüderschast" aus dem Jahre 1342 in der Lade der DanzigerSchützenbrüderschast vorgefunden haben» doch sind sie vielleicht unter dem Einfluss« derkriegerischen Unruhen verloren gegangen.

Geschichtlich erwiesen ist, daß der Hochmeister des deutschen Orden», Winrich vonKniprode , der vorher mehrere Jahre Komthur des Danziger Schlosses war, bald nachseinem Regierungsantritt, etwa im Jahre 1352, das Vogel- und Königsschießen für alleStädte des Ordensgrbietes einzurichten befahl, wobei er vielleicht die in Danzig bestehendeSitte zum Muster nahm. Die von ihm angeordneten Schießübungen fanden in Zwingernund Schießgärten statt, indem man mit der Armbrust nach hölzernen Vögeln oder nachder Scheibe schoß. DaS große Vogelschießen nach den vom Hochmeister ausgesetztenPreisen hielt man in der Pfingstzeit ab. Wem dabei der beste Schuh gelang, der ward