Ausgabe 
(5.5.1883) 36
 
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Nr. 36.

1883.

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Äugsburger PostMimg."

Samstag, 5. Mai

Des Försters Enkelkind.

Original-Novelle von Mary Dobson.

(Fortsetzung.)

Es war ein Bild glücklichsten Familienlebens, und eben überlegte Anna, ob es, daoffenbar in Bodenwald kein Brief angekommen, nicht richtiger sei, den erhaltenen einst-weilen zu verheimlichen, als ihre kleine Tochter in einer nur ihm verständlichen Spracheihrem Vater erzählte, daß ein Pferd und ein Brief gekommen sei.

Mit einem schnellen fragenden Blick sich an seine Gattin wendend» ergänzte diesedie Worte des Kindes, und den Brief aus der Tasche ziehend, wollte sie ihn ihm reichen,doch sagte er abwehrend:

Behalte ihn bis nach dem Mittagessen, Anna, und laß uns dann erst sehen, waser enthält. Es wird die Todesanzeige meines Bruders sein, auf die wir längst vor-bereitet gewesen, nur weiß ich nicht, weshalb mein Vater sie durch einen besonderenBoten hierher geschickt hat!"

Die Anwesenden stimmten ihm mit plötzlich ernst gewordenen Gesichtern bei, undbegaben sich dann in's Wohnzimmer» wo der Förster an den Geburtstagstisch geführtward, und seine Enkelin ihn auf den großen Kuchen besonders aufmerksam machte.

Das Kind vermittelte für den Augenblick eine heitere Stimmung und in dieserging man zu Tisch. Allein, wenn auch den vorzüglich zubereiteten Speisen der jungenHausfrau genügend zugesprochen ward, so lag doch auf jedem Gemüth ein düsterer Schatten,und jeder freute sich, als das Mahl beendet war, und man sich in's Wohnzimmer zurück-begeben konnte.

Hier übergab Anna ihrem Gatten den Brief seines Vaters. Er erbrach ihn sogleichund las. wie folgt:

Mein lieber Sohn!

Wie Du gewiß längst erwartet, «hälft Du heute die Todesnachricht Deines ältestenBruders, der endlich von seinem Leiden erlöst ist.

Sein Verlust hat Deine Mutter und mich schwer getroffen, er war uns ein theure«Sohn und hätte einmal unseren Namen würdig vertreten. Meine Hoffnungen, diesennoch lange durch unsere Linie fortblühen zu sehen, sind seit mir der Tod in so kurze«Zeit zwei Söhne und zwei Enkel genommen, bedeutend geschwunden.

Nach diesem letzten Sterbefall haben Deine Mutter und ich beschlossen, schon innächster Zeit nach Deutschland zurückzukehren. Die Leiche Deines Bruders, welche inemer hiesigen Kapelle beigesetzt worden ist, wird bis zum Tage unserer Abreise bleibendann aber von Einfeld begleitet, direkt nach der Heimath fahren, während wir langsame«folgen. Sie wird bis zu unserer Ankunft in unserem Hause in der Stadt bleiben, dannbegleiten Karl und ich sie nach Bodenwald, wo am nächsten Tage die Beisetzung statt-finden soll. Unsere Ankunft werde ich Dir und Bergmann noch näher bestimmen, theil«hm und Kohring vorläufig die Todesnachricht mit. Der öffentlichen Todesanzeigen, wegen