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habe ich an Doktor Müller geschrieben, der auch Sorge tragen wird, daß das Haus zuunserer Aufnahme bereit ist.
Im Schlosse müssen ebenfalls einige Zimmer in Stand gesetzt werden, da möglicher-weise einige von Hugo's Verwandten und Freunden die Leiche geleiten, und dort über-nachten werden. Nichte Dich ein, mährend meiner und Karl's Anwesenheit in Boden-wald zu sein, mir haben nach der langen Trennung Mancherlei zu besprechen.
Dies wäre für heute Alles; mein letzter Brief von hier wird alles Uebrige be-stimmen. Deine Mutter schickt Dir ihre Grüße, denen ich die meinigen binzufüge.
Dein Vater
Friedrich von Bodenwald."
Dieser Brief hatte die Aufmerksamkeit der Zuhörer in so vollem Maße gefesselt,daß sie darüber Anna nicht beobachtet, die mit bleichen Wangen, ihr Kind fest an sichgedrückt im Hintergründe des Zimmers saß. Aus ihren mit Thränen gefüllten Augenwaren schon zwei schwere Tropfen auf das lockige Haupt ihrer Tochter gefallen. Sichnach ihr umsehend gewahrte das ihr Gatte. Er eilte zu ihr, schloß sie und sein Kind indie Arme, und fragte bestürzt, während auch die übrigen Anwesenden hinzukamen:
„Anna, was ist Dir? Weshalb Dein bleiches Gesicht und wozu diese Thränen?"
„Ludwig", erwiderte sie mit unsicherer Stimme, „ich fürchte, eS wird eine schwereZeit über uns hereinbrechen —"
„Ueber uns?" fragte kaum seinen Ohren trauend ihr Gatte. „Wie wäre dasmöglich? — Der Tod meines Bruders, der im Leben mir so fern gestanden, kann dochauf uns keinen Einfluß haben?"
„Er wird es dennoch", entgegnete sie langsam aber mit Nachdruck, „laß nur erstdie Zeit herankommen —"
„Aber, Kind, wie sprichst Du da?" fragte jetzt ihr Vater, indeß Frau Kohring diekleine Anna, welche traurig und fragend auf ihre Eltern blickte, zu beruhigen suchte,Bergmann's aber sie betroffen ansahen.
Anna beschrieb, was sie beim ersten Anblick des Briefes empfunden und fuhr dannweinend fort:
„Ich konnte mir nur theilweise sage», was er enthalten würde, allein ich hatte dieUeberzeugung, daß mit dem Augenblick seiner Ankunft mein Unglück beginnen werdeund der Inhalt bestätigt dies!"
„Aber in welcher Weise, Anna?" fragte ihr Gatte und blickte sie voll Unruhe undBesorgniß an.
„Durchschaust Du denn nicht, Ludwig, was meine Liebe zu Dir und unserm Kindeschnell entdeckt? — Fällt Dir diese plötzliche Berücksichtigung Deines Vaters nicht auf,der während Deines ganzen Lebens Dir so wenig Beachtung geschenkt?"
Die Anwesenden sahen sich betroffen an, sie aber fuhr fort: „Du und Dein BruderKarl, Ihr seid jetzt seine einzigen Erben —"
„Anna!" unterbrach hastig der Gutsherr.
„Laß mich ausreden, Ludwig, und Du und Ihr Alle werdet und müßt mir bei-pflichten, und wenn nicht, werdet Ihr Euch vielleicht schon bald überzeugen, daß ich Rechtgehabt! — Deine Eltern, die nie mich und unser Kind anerkannt, werden sich Dir zunähern suchen, wozu schon der Brief den Anfang gemacht. Als ihr Sohn kannst DuDich ihnen nicht entziehen, und wenn der geeignete Augenblick gekommen ist, —"
„Anna, jetzt begreife ich, was Du sagen willst, doch sprich es nicht aus!" rief ihrGatte, sie voll leidenschaftlicher Liebe an seine Brust schließend. „Nie, nein, nie könnteich mich von Dir und unserm Kinde trennen, von Dir, die Du seit meiner Kindheit dieFreude meines so traurigen Lebens gewesen, der Gedanke allein könnte mich rasend machen!"
„Mein theurer, geliebter Ludwig", flüsterte die junge Frau, durch Thränen zu ihmaufblickend.