Ausgabe 
(5.5.1883) 36
 
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besetzt; es entwickelte sich alsbald ein heftiges Artillerie- und Jnfanterie-Feuergefecht.

Die Turkos hielten die Weinberge an den südlichen Abhängen des Wurmberges im Nord-Osten der Stadt besetzt und vertheidigten sie mit zäher Tapferkeit.

Um 9 Uhr ließ der Kronprinz von Preußen das 5. und 11. preußische Armee-corps von Osten und Norden her gegen den Geisberg und die Stadt vorrücken und derKampf ward bald ein allgemeiner, nachdem die Bayern ihrerseits im oberen Lauterthalevorgedrungen waren.

Ein paar preußische Geschütze beschoßen das Landauer-Thor, ein paar bayerischefolgten ihnen und thaten das Gleiche, nachdem sie dicht am Grabenrande abgeprotzt, undlegten die Brückenpfeiler nieder, worauf die Zugbrücke zum Fallen gebracht wurde unddie Bayern in die Stadt eindrangen und bis zum Marktplatze vordrangen, woselbst siedie Mairie besetzten.

Inzwischen hatten die Preußen den Bahnhof genommen und verfolgten die sich aufdie südlich von der Stadt gelegenen Höhen zurückziehenden Franzosen, wobei die erstefeindliche Kanone und das Zeltlager erbeutet wurde. Gleichzeitig erstiegen die preußischenSturmcolonnen von drei Seiten her den Geisberg und zwangen die Besatzung desselbennach hartnäckigem Kampfe, bei dem die Artillerie den Ausschlag gab, indem sie in dieUmfassungsmauer des Schloßhofes Bresche legte, zur Kapitulation.

Nun war auch die Stadt nicht länger mehr zu halten und streckte gegen 2 UhrNachmittags deren Besatzung die Waffen. Ueber 1000 unverwundete Gefangene, einGeschütz, eine Proviant-Colonne und das gesammte Zeltlager war der Gewinn der Sieger,die ihrerseits freilich auch schwere Verluste erlitten hatten. Noch wichtiger aber war diemoralische Bedeutung des Sieges, dem bald neue folgen sollten.

Diesen Kampf nun um die Stadt Weißenburg und die benachbarten Höhen führtuns der Künstler in einem kolossalen Nundgemälde vor, in dessen Mitte wir auf einemerhöhten Standpunkte stehen. Und er thut das mit solcher Naturwahrheit, daß wir derTäuschung kaum inne werden. Nur die Stelle, die uns umgibt und die wir mit denPulverdampswolken nicht vereinbaren können, welche ringsum aufsteigen, macht uns klar,daß wir nur einem Bilde gegenüberstehen. Und diese Täuschung wird durch die geist-reiche Ausfüllung des ZwischenraumeS zwischen unserem Standpunkte und dem Nund-gemälde mit plastischen Gegenständen, wie Weinpflanzungen, Straße, Markstein, Kornfeld,Ackerland rc. noch außerordentlich gesteigert.

Mit glücklichster Berechnung hat Professor Louis Braun für seine Darstellung dieZeit um Mittag 1 Uhr gewählt: noch sind die entscheidenden Würfel nicht gefallen, nochwogt die männermordende Schlacht, noch dauert das Ringen um jeden Fuß breit Boden.

Dort lacht die Nheinebene in Hellem Sonnenschein, bläulich schaut der badischeSchwarzwald herüber. In der Ebene blinken die Gewehre der Preußen , auf den Ab-hängen des Geisberges sehen wir ihre Sturmcolonnen vordringen, weiter oben speit dieMitrailleusen-Batterie Tod und Verderben in ihre Reihen. Weiter nach rechts hinhängen schwere Regenwolken über den letzten Ausläufern der Vogesen und mit ihnen ver-einigen sich die Rauchwolken, die aus der brennenden Stadt aufsteigen. Und dann istauf einer Anhöhe jenseits des Hohlweges, in dem die alte Neichsstraße hinzieht, bayerischeund preußische Artillerie aufgefahren und sendet Granate um Granate hinüber nach derStadt und den nun auf dem Rückzüge befindlichen feindlichen Massen. Hinter den Bat-terien halten die bayerischen Generale mit ihrem Stab, lauter bekannte Namen, wie vonBothmer, von Hartmann, Lutz, von Maillinger, weiterhin sehen wir den Oberstkomman-dnenden Friedrich Wilhelm von Preußen mit seinem Generalstabs-Chef General von -Blumenthal, mit dem Herzog von Sachsen-Coburg und reichem Gefolge auf dem Kampf-platze erscheinen. Aber es sind nicht blos Fürstlichkeiten und Generale, deren wohl-getroffene Bildnisse der Künstler in charakteristischer Weise auf seinem Gemälde an-brachte, unter den vierzig Porträts befinden sich die vielen Stabs- und Subalternofsiziere;