Ausgabe 
(5.5.1883) 36
 
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selbst ein wackerer Unteroffizier und «in Pferdemärter fehlen nicht, auch nicht der bravebayerische Feldgeistliche, der einem Sterbenden Trost zuspricht.

Die geschichtlich« Gerechtigkeit forderte vom Künstler» daß er den Antheil, den dasö. und 11. preußische Armeecorps an der Entscheidung des Tages nahm, geeignet zumAusdruck brachte, der Standpunkt, von dem er sein Rundgemälde aufnahm, machte esnatürlich, daß er die Bayern in den Vordergrund der Aktion stellte. Und sie war fürsie rühmlich genug, um diese ihre Stellung auch nach einer anderen Seite zu rechtfertigen.

Das Handgemenge in dem nahen Weinberg, welchen Bayern von darin verstecktenTurkos säubern, das Herausbringen von Verwundeten, das Einschlagen von Granaten,das Vorstürmen eines Bataillons von der Höhe in den Lautergrund und gegen dieStadt die Thätigkeit der Aerzte auf den Verbandplätzen, der stumme Jammer eines hoch-verdienten bayerischen Obersten an der Leiche seines jüngste» Sohnes, er sollte imselben Kriege noch zwei ander« verlieren die aus der geängsteten Stadt aufschlagendeLohe, der Kontrast einer friedlichen Natur mit dem blutige» Tagewerk der MenschenAlles das und noch vieles Andere, dessen Ausführung hier zu weit führen würde, hatder Künstler mit einer Meisterschaft zur Anschauung gebracht die zu seinen und derMünchener Kunst Lorbeer» ein neues Blatt fügt.

Der Georgiritt zu Statt».

Vom herrlichsten Sonnenschein begünstigt, fand am Tage St. Georgi der alljährizübliche Ritt zu Ehren dieses Heiligen statt. 15 Kilometer nördlich von Traunstein, ander grün rauschenden Traun, liegt die herzoglich leuchtenbergische Herrschaft Stain mitzwei Burgen und einem Schlosse. Die älteste dieser Burgen besteht aus mehreren inden Felsen gehauenen Gemächern und Gängen, stammt vermuthlich noch aus vorrömischerZeit und in ihr hauste, der Sage nach, der fabelhafte Mädchenräuber und RaubritterHeinz von Stain. Den Berg krönt eine von hohem Wall und tiefem Graben umzogeneFeste, am Fuße desselben liegt das aus neuerer Zeit stammende Schloß im Kranze derOekonomiegebäude, Mit der Romantik uralter Geschichte wetteifert der Reiz der lieblichenLandschaft; über das anmuthige Thal hinweg schweift der Blick zu den schneebedecktenAlpen, deren Kette von der Salzach bis zum Jnn den Horizont säumt und bleibt aufder gothischen Kirche zu St. Georgen weilen. Malerisch auf einem Vorsprung des rechtenUfers gelegen, streckt sie ihren Spitzthurm gen Himmel.

Hier m dieser Gegend, welche uns die bis in's achte Jahrhundert zurückreichendenSalzburger Urkunden noch dicht besiedelt von den Nachkommen der keltisch-römischen Be-völkerung zeigen, hat sich bis auf den heutigen Tag ein abgeblaßter Nest uralt feierlichenBrauches erhalten. Am Morgen des Georgitages, 24. April, versammelt sich im Schloß-hofe zu Stain die Bauerschaft der umliegenden Ortschaften. Jeder Hof stellt zwei Rosse,meistens junge Hengste, deren Rücken in der Regel keine» Sattel, sondern nur eine Decketrägt; die Reiter sind gewöhnlich der Bauer selbst und sein Sohn; in feurigem Roth leuchtende Bänder zieren Mähne und Schweif. Um 8 Uhr erfolgt der Aufbruch. DieSpitz; eröffnen Postillone in Galla-Uniform, flatternde Standarten mit den freundlichenLandessarben in der Hand, darauf folgt die Musik und nun die insgesammt auf Schimmelnreitenden Hauptpersonen des Zuges: 2 Engel, der heilige Georg, 4 Engel und der Schloß-kaplan von Stain im Chorrock. Hieran reihen sich paarweise die Bauern, in ihrer Mitteein blauweißes Banner führend und Heuer 68 Paare zählend. Der heilige Georg, voneinem ehemaligen österreichischen Grenadier dargestellt, trägt das traditionelle Costümseiner Figur in den Landkirchen: weißseidenes Wamms und gleiche Beinkleider, beidemit reicher Nococo-Stickerei, gelbe hohe Reiterstiesel mit goldenen Sporen, einen wallendenMantel von rother Seide und auf dem Haupte den blitzenden Helm von gelbem Metallmit dem Kreuze statt des Federbusches, in der Faust die große Fahne von weißem Atlasmit den rothen Schrägebalken des Andreaskreuzes und dem goldenen Auge Gottes aufschwarzem Atlasschilde in der Mitte. Die Engel stellen 4jährige Knaben dar, bekleidet