Unternaktungsvkatt
zur
„Angglmrger Postzeitung."
Nr. 37. Samstag, 5. Mai (Abends) 1883.
Des Försters Enkelkind.
Original»Novelle von Mary Dobson.
(Fortsetzung.)
IX.
Hugo von Bodenwald's Beerdigung hatte stattgefunden, doch ward der Landkammer»rath, der mit seiner Gemahlin in der Residenz eingetroffen, durch Krankheit verhindert,daran theil zu nehmen. Das plötzliche eingetretene feuchte Herbstwetter hatte ihm einenheftigeren Gichtanfall zugezogen, und mußte der jetzige Majoratserbe bei der traurigenFeier seine Stelle vertreten. Bei dieser Veranlassung hatten sich auch die Brüde" wiedergetroffen und sich fast wie zwei fremde Menschen begrüßt, doch war Karl von Boden«wald nicht entgangen, daß während der Jahre, wo er ihn nicht gesehen, das Aeußereseines Bruders sich vortheilhaft verändert hatte und er ein entschiedenes männliches Auf»treten bekommen. Ludwig dagegen hatte seinen Bruder gealtert gefunden; er war nichtmehr der fröhliche, leichtlebige Offizier, der er gewesen, das eheliche Leben und die trau«rigen Familienereigniffe hatten ihn zum gereiften Manne gemacht.
Bald nach der Beerdigungsfeier hatte der junge Gutsherr vom Buchenhof sich zuseinen Eltern begeben, ein Besuch, für den auch seine Gattin gestimmt. Er hatte seinenVater, auf dem Sopha liegend, und unfähig das Zimmer zu verlassen, gefunden; sein«Mutter, in Folge der Ortsveränderung zur ungünstigen Jahreszeit und der gehabtenAufregung ebenfalls leidend, und war von Beiden, was er indeß weder Anna, ihren Elternnoch Bergmann's mittheilte, mit besonderer Freundlichkeit empfangen, und während seinesganzen Aufenthaltes behandelt worden. Sie hatten sich eingehend nach seinem Leben aufdem Buchenhof erkundigt, und er nicht unterlassen, ihnen sein häusliches Glück wie sein«Gattin und Tochter zu schildern. Sie hatten dieser Beschreibung zugehört, mit keinerSilbe jedoch seine Frau «der sein Kind genannt, wenngleich sie mehrfach von Kohring'Sund Bergmann's gesprochen.
Ludwig war die Freundlichkeit seiner Eltern zwar neu, doch war sie zu natürlich,um ihn nicht wohlwollend zu berühren; er trat ihnen indeß einigermaßen gemessen gegen»über, hatte er doch zu lange das Gegentheil von ihnen erfahren, und gleichzeitig war ihmdie Aufregung seiner Gattin am Geburtstag« ihres Vaters, die einen schmerzlichen Ein-druck auf ihn gemacht, stets gegenwärtig.
Als Ludwig von Bodrnwald nach zwei Tagen des Beisammenseins von seinenEltern Abschied nahm, sagt« sein Vater:
„Du mußt einsehen, Ludwig, daß ich wahrscheinlich während des ganzen Wintersnicht nach Bodenwald und dem Buchenhof kommen kann, laß Dich also so bald wie mög«sich hier wieder sehen. Vergiß nicht, daß Du allein uns jetzt nahe wohnst, denn Karldarf sobald keinen längeren Urlaub wieder nehmen, auch ist seine Frau gern in der großenStadt, wo sie noch dazu viele Verwandte hat. Mir wäre es schon recht er könnte denMilitärdienst verlassen und mit seiner Familie hier in Bodenwald wohnen, doch muh «rwenigstens als Rittmeister abgehen, und damit hat «8 noch einige Jahre Zeit."