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Der junge Mann versprach seinen Eltern, den Besuch noch im alten Jahr zuwiederholen, nahm Abschied und kehrte nach dem Buchenhof zurück, wo er seine Gattinvoll Sehnsucht seiner wartend, wußte.
Zu Anfang gemährte ihm die Fahrt an dem schönen Oktobertag, der ihm die nächsteUmgebung der freundlichen Residenz im Herbstkleide zeigte, Zerstreuung. Sie ward durchdie Bewohner derselben belebt, die das herrliche Wetter benutzt hatten, und in Zügenaus den bewaldeten Bergen heimkehrten, die bald schon ihres buntfarbigen Schmuckesberaubt sein konnten.
Nach und nach aber ward der Weg, der jetzt durch ausgedehnte Holzungen führte,einsamer, und als erst zu beiden Seiten die Berge sich erhoben und die Dämmerungeintrat, begegneten ihm nur noch einzelne Wanderer oder Fuhrwerke, und sich in dieWagenecke lehnend, begann er sich seinen Gedanken zu überlassen.
Diese führten ihn nach der Stadt und zu seinen Eltern zurück; er sann über derenso auffallend verändertes Benehmen gegen ihn nach, und suchte sich ebenfalls zu erklären,wie auch seine früheren Gefühle und Empfindungen, seine Gleichgültigkeit gegen sie zuschwinden anfing, und er sich kindlicherer Regungen gegen sie bewußt ward.
„ES ist das verwandle Blut —,die Gottesstimme, die jedem Menschen inne wohnt*,sagte sich endlich Ludwig von Bodenwald, „und es wäre sündlich gegen sie ankämpfenzu wollen. Allein", setzte er nach einigen Sekunden erregter hinzu, es ist auch sündlichsie zu unterdrücken, oder ihr nicht Gehör zu geben, wie meine Eltern gethan, die jetztdie Früchte davon ernten, denn hätten sie ihr jüngstes, schwächliches Kind voll Liebe undSorgfalt erzogen, sie ständen jetzt, wo auch sie Kränklichkeit und Körperschwäche zu tragenhaben, nicht so vereinsamt da!"
Dann traten die Bilder der geliebten Gattin und holden kleinen Tochter vor seingeistiges Auge, und er sagte nun halblaut:
„Sollte ich es nicht, wenn sich das Verhältniß zwischen mir und meinen Elternimmer herzlicher gestaltet, dahin bringen, daß sie Anna und unserem Kinde die gebühren-den Rechte in der Familie einräumend — Niemand sonst versagt sie ihnen, sie selbsthören sie meine Frau und Tochter nennen, allein", unterbrach er sich mit gerunzelterStirn, „es ist für Beide schließlich auch gleichgültig, ob sie sich sehen wollen oder nicht,ihre Rechte kann ihnen Niemand nehmen, und vor dem Gesetz stehen sie Karl's Frauund Tochter gleich! — Wie Anna sich auf meine Rückkehr freuen und mich mit unseremKinde schon erwarten wird! — In einer halben Stunde bin ich bei ihnen, seit unsererBerheirathung sind wir noch nie so lange getrennt gewesen.
Während mit diesen Gedanken und Bildern beschäftigt Ludwig von Bodenwald derStätte seines häuslichen Glückes, dem stillen Buchenhof, zufuhr, saß seiner harrend diejunge Gebieterin im bereits erleuchteten Wohnzimmer. Sie hatte am Tische Platz ge-nommen, hielt ihre kleine Tochter, welche eifrig mit dem reichlich vorhandenen Spielzeugbeschäftigt war, auf dem Schooß, und das Kind schon instinktiv hütend, achtete sie fürden Augenblick auf dessen Beschäftigung nicht, sondern dachte an ihren Gatten, der ihrfür den Abend seine Heimkehr zugesagt. Sollte er wohl Wort halten, oder sie wartenlassen und noch länger bei seinen Eltern bleiben?
Anna'S Züge nahmen einen trüben Ausdruck an, und sich den traurigen Gedankenüberlastend, die stets für sie mit den Eltern ihres Gatten verbunden waren, verfolgtensie wiederum die Bilder, die sie schon oft gequält, und Thränen füllten ihre Augen. Baldaber hörte sie das Rollen eines Wagens, und schnell ihre schmerzliche Erregung bekämpfend,wandte sie sich ihrer Tochter zu, die ebenfalls das Geräusch gehört haben mußte, dennsie sagte lebhaft und in freudigem Tone:
„Mama, Papa kommt — Papa bringt Anna auch die große Puppe mit-*
Die Kleine auf den Arm nehmend, küßte sie sie zärtlich und trat mit ihr an dasnoch nicht verhangene Fenster. Ja, es war ihr Gatte, jetzt bog er auf den Gutshofein, und nach wenigen Minuten hielt er sie und seine Tochter umfaßt, begrüßte beide