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voll Liebe und Zärtlichkeit, und führte sie in'S Zimmer zurück. Beim hellen Schein derLampe betrachtete er mit forschendem Blick sein Weib, und da« Aug« der Liebe warscharf genug, die Schatten zu entdecken, die noch theilweise auf ihren, jetzt allerdings vonGlück und Freude strahlenden Zügen führten. Sie hatte seinen Blick verstanden und ent-schlossen, ihn nicht zu betrüben, fragt« sie schnell:
„Wie hast Du Deine Eltern gefunden, Ludwig? Sind sie so leidend, wie Berg-mann sie unS beschrieben?"
Zu einer Antwort kam er nicht, denn seine Tochter machte ihre Rechte geltend»und seine Hand ergreifend, forderte sie mit der ihr eigenen Lebhaftigkeit und Entschieden-heit die versprochene Puppe. In diesem Momente brachte das Mädchen verschiedene Kastenund Pakete, die im Wagen Platz gehabt, und den größten der ersteren ergreifend, legteer ihn auf die ausgebreiteten Arme seines freudig jubelnden KindeS, und sagte zu seinerlächelnden Gattin:
„Anna, Du wirst mit dem Inhalt besser umgehen können als ich-"
Sie öffnete, während unter allen Zeichen der Ungeduld die Kleine dabeistand, dieSchachtel und nahn: eine sehr schöne Puppe hervor, welche sie dieser reichte.
Das freudige Staunen über den so sehr begehrten Schatz raubte dem Kinde einigeAugenblicke die Sprache, dann aber ergriff sie das herrliche Spielzeug, betrachtete eSforschend, prüfte mit den kleinen Fingern die Augen, Wangen und Haare, die in derin der That an Farbe und Frische den ihrigen glichen und brach dann in lauten Jubel auS.
Die glücklichen Eltern blickten voll Freude und Rührung auf das Kind, bis Ludwigvon Bodenwald zu seiner Gattin sagte:
„Und forderst Du nichts, Anna, das ich Dir hätte mitbringen können?"
„Ich weiß im Voraus, daß Du alle meine Aufträge besorgt hast", entgegnete sievollständig aufgeheitert.
„Sie sind sämmtlich ausgerichtet, und was ich nicht mitgebracht, wird Dir geschicktwerden. Aber sieh einmal, ob ich es verstanden, Deine Wünsche zu erspähen", und einzierliches Päckchen aus der Brusttasche nehmend, legte er es in ihre Hand.
„Du machst mich wirklich neugierig, was eS sein kann", entgegnete sie mit glück-lichem Lächeln, und die Papierhülle, abnehmend, hielt sie ein länglich-rundes Moroquin-Etui in der Hand, auf den von zierlichen Umschlingungen eingefaßt die Buchstaben:„A. v. B." zu lesen waren. Es schnell öffnend, rief sie mit freudigem Staunen:
„Ludwig!"
Dieser blickte voll Zärtlichkeit auf die überraschten Züge seiner Gattin, mit denensie jetzt die Miniaturbilder — eS war das ihrige und das feinige — betrachtete. DieBilder waren sprechend ähnlich, sie zeigten ein schönes, jugendliches Paar, auf dessenGesichtern der Ausdruck stillen Glücks hervortrat.
„Habe ich es getroffen, Geliebte?" fragte ihr Gatte, sie zärtlich umfassend.
,O, nur zu sehr", erwiderte sie voll Liebe, ihm in die Augen blickend. Wie IsteS nur möglich gewesen, dies in aller Stille zu vollbringen?"
„Als vergangenes Frühjahr wir uns malen ließen, da sagtest Du, daß es einmalfür unser Kind eine hübsche Erinnerung sein würde» die Bilder ihrer Eltern in jugend-lichem Alter zu haben und ich beschloß, sie, wenn irgend möglich, im Geheimen herstellenzu lassen. Ehe der Maler unsere Portraits als vollendet aus den Händen gab, hatteer schon diese Medaillons darnach angefertigt, die er erst kürzlich zurückerhalten, da erdie Fassung auswärts besorgt. Ich wollte sie auf Deinen Weihnachtstisch legen, da ichaber noch eine Menge Wünsche von Dir entdeckt-"
„Ludwig!" lachte die junge Frau in der heitersten Stimmung.
„Du mußt sehr vorsichtig sein, mein theures liebes Weib, wenn Du nicht amWeihnachtsabend eine ganze Ausstellung auf Deinen Tischen haben willst", entgegneteebenfalls lachend der junge Gutsherr, „denn ich halte eS für meine Pflicht, so viel ichvermag, einen jeden Deiner Wünsch« zu erfüllen!"