Ausgabe 
(5.5.1883) 37
 
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Darin besah ich mir das Bild des alten Bürgermeisters, dessen Bart so lang war,daß er darauf stehen konnte» und als ich ihn und die alte Pfarrkirche mit den vielenSteindenkmalen genugsam betrachtet hatte, besprengte ich mich mit Weihbronn und trat,um mich zu stärken für den Weitermarsch, in'S Hintergärtchen desWein-Hauses.*

War das ein seliger Winkel! Wie prickelte der helle flirrende Wein auf »reinertrock'nen Zunge! Die leis bewegten Zweige der Garte.ibäume warfen ihren Schattenüber mich, des Brünnleins Wasser rauschten klingend auf die Tropfstein-Mulde niederja wär' meines Beutels Inhalt nicht gar so dürftig gewesen, hier hätt' ich etlich' TageRast gehalten.

Wie schwer mir auch das Scheiden fiel, die Furcht, es möchte mir in der Stadtdie Herberg' für die Nacht zu theuer sein, trieb mich wieder weiter.

Ich zog den Jnn entlang, lag Nachts in einem Dorf im Heu und wanderte desandern Tages wieder zu.

Ueber Nacht war schlechtes Wetter eingetreten. Die Wolken hingen tief vomHimmel nieder, ein feiner Regen rieselte sachte und schläfrig auf die Erde und erreichteden fetten Lehmboden, daß mir das Gehen sauer ward.

Vor Hunger, Müdigkeit und Nässe war ich herzlich froh, als aus dem Regen- undNebelschleier endlich wieder ein Dorf auftauchte.

Und war mein erster Gang natürlich in's Wirthshaus.

War aber mein Eintritt in die Wirthschaft gedrückt, und erhofft' ich mir darin nichtetwas anderes Erfreuliches zu finden als Obdach gegen das Unwetter, so sollte baldder Schalk nur im Nacken sitzen und mir so Fröhliches adveniren, wie bis dahin nichtauf meiner ganzen Fahrt; und war ich doch in manch' einer guten Schenke gesessen beilustsamen Menschen.

Das ging also zu:

Ich sprach: Grüß Gott, Herr Wirth!

Darauf fragte der: Was kriag'n S'? A Bier?

Ja, weun's frisch is.

Als ich dies gesagt hatte, ging er ab und humpelte in dem Keller. Er ging sichnicht leicht, hatt' einen dicken Bauch, war in mittleren Jahren und trug die alte Wirths-tracht: grünes Sammtkäppchen, rothe Weste und mit zwei Reihen silberner Knöpfe besetzt,schwarze Le'oerhose, blaue Strümpfe und Bundschuh'.

Dieweilen er im Keller hantirte, hing ich mein Ränzchen an den Nagel und setztemich an den Tisch, woran nur ein einziger Gast saß.

Der sah mich scharf an und fragte: G'wiß sän S' a Student?

Und weil der Schelm mir in Herzen erwachte, so antwortete ich: Ja,

Wo studir'n S' denn? In Wean oder z'JnnSbruck?

In Boar'n drent, z'Münka drob'm.

Und was studirn S' denn?

Und antwortete ich stolz: ^us.

Was is denn dös:?

Dös is dös, wo man a'n Advokat wird»

Also a Herr Advokat sind S'?

Der bin ich.

Mittlerweilen kam der Wirth aus dem Keller herauf gekeucht und hörte mit Er-staunen, wie mein Gesprächs-Part und die Leute an den Nachbartischen michHerr

Advokat* titulirten.

Rückte darnach in Etwas sein Sammtkäppchen und frug: Was? Üs seid schonan Advokat und seid'S noch so jung?

Ja wißt's, ich bin halt früh zur Studi kemma und bin iazt a g'rad fertig wor'n.

... ""hm er das Käppchen ganz vom Kopfe und während er es zwischen den

buken Händen drehte, sagte er: