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O, Sie, Herr Advokat, ich hätt' Ihnen Eppas z' sagen. Vielleicht könnt' Ös mirda an Rath geben. Wißt's, ich hab' mit einem Nachbarsbauern Streitigkeit von -'wegeneinem Joch Wiesen und da kimmt's iazta zum Klagen.
Jetzt kann's gut geh'n, dacht ich. Soll ich nun wirklich den Advokaten spielen,oder soll ich mich ergeben und bekennen, daß ich nur eitel geflunkert? — Sicherer wardas Letztere.
Da trat des Wirthes blühend Töchterlein aus der Küche in die Gaststube, stelltesich an den Gläserkasten und warf unterm Nadeln am Strickstrumpfe vielhelle Blicke aufmich herüber, als wollt' sie mich ermuntern, ein gutes Werk zu thun. Also, auch sie hieltmich verwundert für einen, ob zwar jungen, dennoch wahrhaftigen Advokaten. Wie konnt'ich jetzt noch eingesteh'n, daß ich ein bloßer armer Schulgehilfe sei? — Du mußt dieaufgenommene Rolle weiterspielen, ermuthigte ich mich und und sagte laut:
Ja, mein lieber Wirth, das kann ich Euch auch nicht grade sagen, wie's mit derWiese steht, und wem von Euch Beiden sie gehört. Da müßt' ich erst Eure Katastersehen und müßt' auch mit dem Bauer reden können. An alter Spruch hoaßt eben:auckiatur et altsra paro, auf deutsch : die andere Partei muß auch vernommen werden.Und wenn ich recht thue und ordentlich zwischen Euch entscheiden sollt, so müht ich auch,wie g'sagt, den Bauer hören.
Vielleicht geht der nicht bei, hofft' ich im Stillen. Es dauerte aber nicht lang,und Kataster und Bauer waren herbeigeholt. Der war ein langer Mann; als er zurThüre hereintrat, mußte er den Kopf bücken; er richtete ihn aber sogleich wieder auf undüberschaute die Versammelten mit dem Blicke eines Mannes, der sich selten unter ihnensieht. Die Leute grüßten ihn fast ehrfurchtsvoll und flüsterten dann unter sich; er danktekurz und setzte sich mit leichtem Kopfnicken an meine Seite.
Der Wirth brachte für ihn ein Glas Wein und an Stelle des abgetragenen Bieresauch eines für mich. Als ich dasselbe geleert hatte, ließ mir der Bauer eines auf«setzen; dann ließ der Wirth wieder eines bringen durch sein Töchterlein, und dann machteeS der Bauer wieder nach. Dabei wurde mir bald vom Einen, bald vom Andern derStreit um die Wiese vorgetragen und ich gab bald dem Wirthe Recht in seinen An-sprüchen und bald dem Bauer, doch keinem zu viel und keinem zu weh.
Nachdem ich also an die sechs Gratisschoppen in den Magen gegossen und michauch in den Kataster — Kapadaster nannten ihn die Guten — vertieft hatte, kam ichzu dem salomonischen Schlüsse:
Ja. meine lieben Leute! Im Kataster ist dieser höchst eigenthümliche Fall nichtvorgemerkt. Um daher über vorwürfige Streitsache einen richtigen Ueberblick gewinnenzu können» müßt' ich'S Grundstück selbst seh'n.
DaS sagt' ich aber nur, weil mir bei dem ganzen Handel immer weniger wohlward und ich nicht absah, wie mich draus Hinauswickeln.
Die Parteien aber waren mit einer Besichtigung der Wiese sofort einverstanden unddrängten sogar dazu.
Bevor wir jedoch aufbrachen, mußt' ich noch auf jedes Klienten Wohl ein weiteresGlas Wein trinken, und — notn bens! — keinen „Tischwein" mehr, sondern feurig„schnalzenden".
Mir ward im Kopse ziemlich schwank: seit zehn Uhr Vormittags trank ich aufBeiden Rechnung ungewohnten Wein, und jetzt war's zwei Uhr Nachmittags.
Trotzdem der Regen noch immer niederrieselte, war's mir angenehm erleichternd,daß wir uns endlich aufmachten nach der eine 1/2 Stunde entfernten Wiese. Ich trugden „Kapataster" unterm Arme und ließ das unschuldige Papier zu Nutz und Frommeneines k. k. Notarschreibers weidlich durchwalken. Was kümmert« mich der Kataster? Ichdachte nur: Josephus, Josephus! wie kommst du wohl noch leidlich aus dieser Schlinge?
Wir kamen an Ort und Stelle an; zweimal gingen wir um die ganze Wiese herum,langsam, sachte: mir fiel kein Ausweg ein. Ich zog die „kapadastrische" Urkunde von