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Schritt zu Schritt zu Rathe, umwandelte zum drittenmal die Flur und stieß mit demFuße an jeden Grenzstein und besah ihn, als ob, Gott weiß waSl auf ihm geschriebensteh« — und immer, immer noch kein Ausweg! Josephus, JosephuS, da hast du direine schöne Suppe eingebrockt!
Schon flucht' ich heimlich allen Gratisschoppen, da firl'S mir zündend ,n die Seele,was meine Rettung sei. Ich machte plötzlich halt, legte den linken Zeigefinger über dieNase an die Stirne und sagte:
Liebe Leute: Das ist der seltsamste Fall. der mir bislang in meinem ganzen Lebenvorgekommen, und es nimmt mich gar nicht Wunder, daß Ihr darüber streitet und nichtin's Reine kommt. Denn er ist so verwickelt und verworren, daß alle Advokaten in der?Welt den Knoten nicht zu lösen in der Lage sind. Ich geb' Euch drum den Rath, daßIhr die Wiese theilt, und Jeder sich die Hälfte nimmt. Fügt Euch meinem Urtheil:wenn Jhr's zum Processe treibt, so nehmen Eure Advokaten Euch nur Euer Geld ab,und mehr Geld, als die ganze Wiese werth ist. Es kriegt aber, wenn's mit rechtenDingen zugeht, keiner von Euch die ganze Wiese zugesprochen, sondern Jeder nur dieHälfte, weil eben Niemand auf Gottes Erdboden sagen und entscheiden kann, wein vonEuch die ganze Wiese zugehört.
Und daß das also kommen wird, das weiß ich ganz genau, dieweil ich eben erstvor wenig Wochen ausstudirt hab'. —
Auf diesen Entscheid war Keiner der Guten gefaßt. Erst starrten sie mich an, dannräusperten sie sich etzliche Male, ließen den Blick über die Wiese schweifen und versankenin Trübsinnigkeit, und trüb und trist fiel dazu der Regen nieder.
Endlich faßte sich der Bauer und sprach:
Ich glaub', der Herr Advokat hat Recht. Wir theilen d' Wies und lassen 'SStreiten gut sein, und wenn wir von dein Geld, was uns das Prozessiren kosten that,nur einen zehnten Theil vertrinke», so ha'm wir alle drei an guten Tag, und wir zweiwerden wieder gute Nachbarsleut'. Was moanst denn, Wirth?
Und weilen ich ihm lächelnd zunickte und ihn solchen Entschlusses halber lobte, er-heiterte sich auch des Wirthes umflorte Miene und er bot versöhnt dem Widersacher dieHand auf dem strittigen Grundstück.
Dann aber kehrten wir zum „goldenen Hirschen" zurück, wo bis in's Dunkel derNacht hinein ein fröhliches Trinken stattfand.
Das halbe Dorf nahm zechend Theil an der Wiederversöhnung der zwei ange-sehensten Männer der Gemeinde, die lange wie Achill und Agamemnon gehadert an derenZwiespalt ganz „Kirchdorf" in zwei Lager getrennt hatte.
Bon allen Tischen klang das Lob des „g'scheidten Advokaten" mir in's Ohr, demsolches Wunder in so kurzer Frist gelungen sei.
Dazu ein beständiges Klingen und Anstoßen der Gläser, und war es nur gut, daßes an vielem und gutem Essen nirgends fehlte, als: Blut- und Leberwürsten, Schwarten«magen und Kalbsbraten.
Obwohl ich mich aber tapfer an diese guten Dinge hielt, war gleichwohl dasResultat des Tages dies: Wirth und Bauer waren versöhnt und ich, als deren „Advokat"war unmenschlich — betrunken«
Ich trage aber gutes Verhoffen, daß der Himmel dieses Uebcrnehmen im Weinmir gnüdiglich verzeihen werde. Mich hat halt meine „Friedensstiftung" und mein gutesWerk so gar sehr überfreut.
Es scheint mir übrigens, als habe sich auch der Wirth in Etwa gar zu stark derFreude hingegeben.
Denn als ich nächsten Tages erst nach acht Uhr in die Gaststube herab kam, hießes, daß er noch gut schlafe.
Und war mir das zu hören lieb. Wie leicht konnte ein unbedachtes Wort, in deßMorgens Nüchternheit gesprochen, den armen Schulgehilfen verrathen l