298
Da steht der Helden gottgeweihtec Bund
Und schaut auf sein Geschlecht mit Wonnebeben,
Laut schlügt die Brust — und ihr verklärtes LebenEntwallet rein dem hochberedte» Mund.
Die Hörer sind erschüttert und entzückt:
Ein solches Wort ist ihnen nie verkündet.
Des Ew'gen Geist hat sie der Welt entrückt —
Und Christi Reich ist felsenfest gegründet.
Nikolaus Leonard Heilmann.
Des Jörstero Enkelkind.
Original-Novelle von Mary Dobson.
(Fortsetzung.)
Das alte Leiden hielt bis nach dem Weihnachtsfeste an, das von den drei so engverbundene» und befreundeten Familien auf dem Buchenhof begangen worden, und dain den ersten Wochen des neuen Jahres mildes feuchtes Wetter vorherrschend war, er-klärte eines Abends der junge Gutsherr in Anwesenheit seiner Schwiegereltern, die amNachmittag gekommen waren, am nächste» Morgen nach der Stadt zu fahren und seinenEltern den längstversprochenen Besuch abstatten zu wollen. Anna und Kohrings stimmtenihm bei, und der Förster fügte hinzu:
„Wie lange gedenkst Du zu bleiben, Ludwig? Wir könnten uns möglicherweisetreffen, denn ich muß Deinen Vater sehen und sprechen —"
„Ich komme aber morgen Abend bestimmt wieder", entgegnete Ludwig von Boden-wald mit einem schnellen Blick seine Gattin streifend, die indeß mit unverändertem Gesichts-ausdruck sich mit einer Handarbeit beschäftigte-
„Dann werden wir uns wohl morgen Mittag sehen, und ich begleite Dich am Abendhierher! —"
Kohrings brachen bald auf, und beim Weggehen bat Anna ihre Mutter, doch dennächstfolgenden Morgen zu kommen, und den Tag auf dem Buchenhof zu verleben, wasdiese ihr bereitwilligst zusagte.
Ludwig stand am nächsten Morgen mit seiner Gattin und Tochter im Wohnzimmerund nahm, zwar. nur auf zwei Tage, Abschied von ihnen, Anna's Wangen waren bleicherals sonst, doch erwiderte sie mit ruhiger Fassung seine zärtlichen Worte, und bat ihnbesonders für seine Gesundheit Sorge zu tragen. Er versprach ihr dirs und fügte hinzu:
„Morgen in der Dämmerung siehst Du mich wieder, Geliebte", drückte sie dannnochmals an seine Brust, nahm auch das Kind auf seine Arme, das mit lebhafter Zärt-lichkeit seinen Hals umschlang, küßte es wiederho't, reichte seiner Gattin nochmals dieHand und verließ das Zimmer, doch folgte sie ihm mit der Kleinen auf den Flur hinaus.Im Begriff die Hausthür zu öffnen, kehrte er nochmals zu Beiden zurück umfaßte siemit einer hastigen Umarmung, verließ schnell das Haus und bestieg den Wagen, derdann sogleich davon fuhr.
Jn's Wohnzimmer zurückgekehrt, blickte die junge Frau, ihr Kind auf dem Arm,dem den Gutshof verlassenden Gatten nach, und als dieser ihren Augen entschwand, sanksie auf einen Stuhl und brach in Thränen aus. Die Kleine betrachtete sie erschrockeneine Weile, legte dann ihre Händchen an die Wange der Mutter, und versuchte, sie mitzärtlichen, beredte» Worten zu trösten.
Gerührt von der schon so deutlich hervortretenden kindlichen Liebe ihrer kleinenTochter, und bestürmt von den verschiedenartigsten Gedanken, küßte sie diese mit leiden-schaftlicher Zärtlichkeit, versuchte sie zu beruhigen, denn auch sie schien dem Weinen nahezu sei», trocknete ihre Thänen, und begann ihre gewohnten Morgenarbeiten in der großenHaushaltung vorzunehmen. Sie hatte indeß kaum das Erforderliche mit der Haushälteringeordnet, als sie einen rasch näherkommende» Wagen vernahm. Bei diesem Geräusch