Ausgabe 
(12.5.1883) 38
 
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klopfte ihr Herz hörbar, denn er konnte es sein, er konnte ein Unglück gehabt haben!Doch nein, es war das Fuhrwerk des Verwalters von Bodenwald und bald erkanntesie auch Frau Bergmann darin. Als die Gäste ausstiegen und Mutter und Kind be-grüßten, sagte Frau Bergmann zu der jungen Frau:

Anna, wenn Du mich hier behalten willst, werde ich bis Deine Mutter kommt,oder noch länger hier bleiben"

Das ist sehr freundlich von ihnen, liebe Frau Bergmann-, entgegnete Anna leb-haft, während die Kleine dre Großmama, wie sie sie nannte, fröhlich umsprang.HatLudwig Ihr Kommen veranlaßt?"

Aufrichtig gesprochen, ja, Kind, dennoch würdest Du mich auch ohne seinen Wunschsehen, denn es taugt nicht für Dich, allein zu sein! Du hast geweint "

Noch nie ist mir die Trennung von ihm so schwer gefallen, und meine Angstwird nicht eher schwinden, als bis ich ihn gesund wiedersehe!"

Das ivird schon morgen Abend sein, er ist kaum einige Stunden von hierentfernt--

Stellen Sie sich vor, Frau Bergmann, wenn ich ihn nie wiedersehen sollte!" undwie vor einer furchtbaren Erscheinung erschaudernd, blickte die junge Frau zu ihr auf.

Anna, wie kannst Du, die stets so ruhig und besonnen gedacht, jetzt Dich unduns alle mit solchen Gedanken quälen? Du kannst doch Deinen Mann nicht seinenEltern entziehen!"

Es drängen sich mir aber immer wieder die alten Befürchtungen auf"

Und daß diese thöricht und grundlos sind, hast Du längst einsehen müssen!Uebrigens habe ich vollauf Beschäftigung mitgebracht, und Du, die Du so geschickt bist,muht mir helfen. Den arnien Stcinhauerfamilien an den Brüchen gebricht es an vielem,und der Winter ist noch nicht vorüber. Ich wollte ihnen warme Kleidungsstücke geben,und Dich bitten, mir beim Einrichten derselben zu helfen, damit ich sie sogleich anfertigenlassen kann!"

Ludwig von Bodenwald war mit unverkennbarer Freude von seinen Eltern empfangenworden, sie hatten alles aufgeboten, ihm den Aufenthalt im Vaterhause angenehm zumachen, was ihm nicht entgangen war, und ihn lebhaft an die Befürchtungen seinerGattin erinnert hatte.

Er setzte ihrer Freundlichkeit Vorsicht und eine leichte Zurückhaltung entgegen, die,wenn sie sie bemerkten, ihnen nur allzu gerechtfertigt erscheinen mußt«.

Am Abend fand sich eine kleine Gesellschaft bei ihnen ein, von denen die meistenden jüngsten Sohn des Landkammerraths nicht kannten, ihn wenigstens selten oder langenicht gesehen hatten.

Nach der Vorstellung seines Vaters ward er von Allen, wenngleich die Familien-geschichte der Bodenwald im Lande kein Geheimniß geblieben mit besonderer Höflichkeitund Zuvorkommenheit behandelt, und bei eingehender Unterhaltung mit ihm konnten diealten Freunde seines Vaters nicht umhin, seine vielseitige Ausbildung anzuerkennen.

Als die Gäste in einer späten Stunde auch von ihm Abschied nahmen, geschah eSmit der Aufforderung, ihnen Gelegenheit zu geben, eine Bekanntschaft fortzusetzen, dieihnen so große Freude gewährt.

Als am nächsten Morgen nach dem mit seinen Eltern eingenommenen Frühstück erund sein Vater nach den neuesten Zeitungen griffen, fragte die Landkammerräthin, welchemit einer leichten Handarbeit beschäftigt war:

Ludwig, befriedigt Dich der Aufenthalt auf dem Lande auf dem Buchenhof?"

Ob er mich befriedigt?" entgegnete verwundert ihr Sohn und fing zugleich einenBlick des Einverständnisses seiner Eltern auf.Gewiß, Mutter, wo sollte es mir auchbesser gefallen, als im Kreise meiner Familie und inmitten der mir so lieben Thätigkeit?"

Das klingt ganz gut und schön", fuhr Frau von Bodenwald fort, während ihrGemahl anscheinend eifrig las,und mag Dir jetzt genügen, später aber, glaub« mir,