Ausgabe 
(12.5.1883) 38
 
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und das heilige Osterfest mit seiner hohen Festeszeit und seiner schönen Weihe, und dannsteckte der Winter noch einmal seinen weißen Kopf zur Thür hinein, und lächelte gargrimmig und schadenfroh und schüttelte den weißen Pelz, daß nur so die Flocken flogen.

Freut Euch nur nicht zu früh!" brummte er,denn ich bin auch noch da! Mitdein grünen Anstrich da, dem Firlefanz, eilt's nicht so sehr ich bin ein treuerer Gesell mich werdet Ihr nicht so leicht los!"

Aber die Kinder Alle die großen wie die kleinen schlugen ihm ein Schnippchenund sangen ihm ein Trutz- und Spotrlied:

Winter lauf', Winter lauf'

Deinen weißen Pelz verkauf'!Frühling kommt mit Sonnenschein,Frühling will zur Thür hinein,Schwülbcben singt schon seine Lieder,Ließ im Nest sich häuslich nieder,Winter, Winter, lauf', lauf'!

Winter lauf', Winter laus',

Schon sind alle Thüre» auf,

Frühling streut sein frisches Grün,Blaue Beilchen auch schon blüh'u,Schneeglöckchen gar munter klingen,Frühling, Frühling, hör' ich's singen,Witter, Winter, lauf', laus'!

Winter lauf', Winter laus ',

Deinen Bart von Eis zerraus',

Sonst schmilzt ihn der Sonne Glut,

Sonne ist Dir gar nicht gut.

Fort mit Dir, Herr Wintersmann,

Niemand Dich mehr brauchen kann!

Winter, Winter, laus', lauf'!"

Und auf den wetterwendischen» launenhaften April, der uns so oft zum Besten hat,und in den April schickt, folgt nun der vielliebe, wunderschöne Monat Mai mit all' seinerreichen Knospenpracht und Blüthenfülle wie sehnsüchtig herbeigewünscht und herbeigerufen:

Komm, lieber Mai,

Komm, mach' uns frei,

Jage den Winter hinaus,

Mache die Bäume grün,

Laß bunte Blumen blüh'u,

Komm, lieber Mai,

Schnell komm herbei!"

Und so war er denn gekommen, und mit ihm der Tag vor Christi Himmelfahrt ,und endlich auch der letzte Sonntag vor dem heiligen Pfingstfest, und alle Glocken läutetenrecht hell und freudig durch die maienfrische Luft.

Könnt' ich in dem Zimmer bleiben,

Wenn das Volk zur Kirche wallt?

Könnt' ich Alltagswerke treiben,

Wenn der Glockenruf erschallt?"

Ja, und doch trieb er Alltagswrrke, der fleißige Mann dort, der in seinem Gärtchrnhinter dem Hause, behaglich sein Pfeifchen rauchend, sich mit seinem Steckenpferd, derBlumenpflege, beschäftigte, eine Arbeit, wie er sie in seinen Musestunden besonders gernezu verrrichten pflegte. Heute trug er zum ersten Male seine Topfgewächse wieder in'3Freie, stellte sie dort auf, begoß sie, deckte seine selteneren Rosenarten ab, band sie indie Höhe, beschnitt und stutzte Alles, und pflanzte einige zartere Gewächse in die Erde,mit denen er sich zuvor noch nicht herausgewagt hatte.

Indessen läuteten die Glocken in die Kirche zum Tag des Herrn, und seine Frautrat zu ihm hin im Festtagskleide, das Gebetbuch in der Hand, bereit in die Kirche zugehen; sie sah ihn fragend an, er aber schüttelte den Kopf.

Laß nur", sprach er.Gott ist ja überall man braucht ihn also nicht nur inder Kirche aufzusuchen. Hier in seiner freien Natur ist er auch zu finden!"

Der Mann meinte es nicht böse, aber der Frau gab's einen Stich durch'S Herz.

Aber, Martin, heut' am heil'gen Sonntag, am Sonntag vor dem Pfingstfest» woDu ohnehin den Ausflug in's Gebirge machen willst, also wieder Predigt und Amt ver-säumst I"