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„Geh', Frau!" sprach Martin, „das verstehst Du nicht! Es kann Eins ein braverMensch sein, und unsern Herrgott und Heiland im Herzen tragen, auch wenn er einmalnicht mit in die Kirche geht."
Und die Frau ging, sie gmg allem, wie öfter, sie seufzte aber leise vor sich hin.
Ihr Martin war gewiß ein braver, arbeitsamer Mann, — daß er aber am Tag des
Herrn Aütagswerke trieb, und deshalb nicht mit ihr in die Kirche ging, das war docheine rechte Sünde! — Und so ging sie dann allein, und betete so recht von Herzen fürden Daheimgebliebenen, und daß die heilige Mutter Gottes, die holde Maienkönigin, seinHerz doch noch wenden und behüten möge, damit Gott ihn nicht strafe, um seiner Sündewillen. Wie sie dann von ihren Knieen sich erhob und heimging, fühlte sie sich wunder-sam getröstet, ja, und es müsse etwas Wunderbares sich ereignen, um das Herz des sonstso braven Mannes zu erweichen und die Augen ihm zu öffnen. — Das Fest des heilige»Geistes, das liebliche Freudenfest, es war ja nahe, — wer weiß, ob nicht da auch der
Tröster für sie kommen, und ein Strahl des ewigen Lichtes auch für ihren Martin
leuchten wird!" —
Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen, mit seinen grünen Maienzweigen undMaibäumen, seinen Pfingströslein und seiner hellen Maienfreude:
„Pfingsten ist gekommen,
Gold'ne Blüthenzeit!
Rings in Glanz verschwommenLiegt die Erde weil!
Nun mit Maien kränzt Euch,
Schmücket und beglünzt Euch,
Singt und feiert auf das Best'
Frühling's Maienfest!
Pfingsten ist gekommen,
Grün bergauf bergab,
Nun zur Hand genommenHut und Wanderstab!" —
Ja, es wur so recht ein schöner, sonnenheller, frischer Maientag, als Martin amPfingstsonntags.norgen zu Hut und Wanderstab auch greifen wollte, um hinaus in dieBerge zu wandern, als die Festtagsglocken in die Kirche riefen; — zuvor aber trat ernoch in den Garten hinaus, um wie tagtäglich, nach seinen Lieblingen zu sehen, weilNachts ein starker Reif gefallen war. Doch erschreckt fuhr er zurück! Was sah er dort!Ein einziger Frost hatte all' sein „Alltagswerk", das er am Tag des Herrn so oft ge-trieben, zerstört — die zartesten Gewächse waren ganr vernichtet, Anderes arg verwüstet,ein trauriger Anblick, der ihm tief in's Herz schnitt.
Und hinter ihm stand seine Frau, — sie faltete die Hände und sprach kein Wortund sah ihn stumm nur an, aber er verstand den Blick, und ivußte, daß es der FingerGottes war- der ihn berührt, — sanft zwar nur, aber doch berührt hatte. —
„Sei froh, laß uns Beide froh sein", sprach tröstend nun sein gutes Weib, „daßes nur Blätter und Knospen sind, welche des Herrn Hand getroffen. So hat Gott Dichwarnen wollen, Martin!"
Er sagte Nichts, der Wink war ihm in's Herz gefahren, und er legte Hut und
Wanderstab ganz stille von sich, und vertauschte schweigend seinen Äanderanzug mit dem
Festtagsrocke, und als alle Kirchenglocken das Fest des heiligen Geistes läuteten und zum
Haus des Herrn riefen, schritt, auch Martin an der Seite seines Weibes still und demüthig
zur Kirche hin, das heilige Pfingstfest dort zu begehen, und Gott herzinniglich zu danken,daß er ihn so gnädiglich gestraft. —
So war auch ihm der heilige Geist gekommen, denn fortan hat Martin msmalsmehr bei einem sonntäglichen Kirchgänge gefehlt, weil er kein Alltagswerk mehr trieb amTag des Herrn, und die Frau fühlte es mit tiefer Dankbarkeit, daß Maria geholfenhatte; und die Psingstmaien, die draußen grünten und die Pfingstrosen- die draußenblühten, erglühten auch lebendig in Beider Herzen, und Frühling war's allüberall ge-