Ausgabe 
(19.5.1883) 40
 
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und es war von Kohrings auch wenig Aussicht vorhanden, daß es geschehen würde?Zuerst wurden die Vormünder für die kleine Anna Thusnelda von Vodenwald erwähltund bestätigt, und zwar als solche der Förster Kohring und der Verwalter Bergmann.Diese Wahl sagte aus vielen Gründen auch dem Landkammerrath zu, den: die Familien-sache mehr zu denken gab, als zu Lebzeiten seines Sohnes, daS Kind war die gesetzlicheErbin seines Vaters, und wie er mit seiner Frau und dem Nechtsbeistand der Familiebesprochen, wollte er es für alle Zeiten durch eine ihr zwar gebührende Summe abfinden.Er theilte also Bergmann mit, daß die Vormünder für die Tochter seines verstorbenenSohnes 50,000 Thaler ausgezahlt erhalten würden, von deren Zinsen ihr Unterhalt undihre Erstehung zu bestreiten sei, und über die sie bei ihrer Mündigkeit zu verfügen habe.Alles was ihren Eltern gehört, die Einrichtung des Buchenhofs solle sie ebenfalls haben,und könnten die Vormünder nach Gutdünken darüber verfügen.

Als Bergmann Kohring's diese Mittheilung machte, fuhr der Förster auf und sagte:

Ich will das Geld nicht, Bergmann, denn der Unterhalt und die Erziehung meinerEnkelin kann ich bestreiten."

Wie Du meinst, Kohring", unterbrach der Verwalter,doch kannst Du nichthindern, daß die Obervormundschaft es für sie annimmt, da es ihr als Erbtheil zuerkanntwird. Den alten Papieren nach gehört diese Summe jeder Tochter der jüngern Söhnedes Hauses, und als solche könnte nur sie selbst es bei ihrer Mündigkeit zurückweisen.Und wie soll es mit der Einrichtung des Hauses und dem klebrigen werden?"

Wir nehmen nur das, was wir eingepackt, alles Andere mag dort bleiben, dennwas soll es uns"

So will ich Dir einen Vorschlag machen, den ich dem Landkammerrath wieder-holen werde. Ich will Alles im oberen Stockwerk unterbringen lassen, wo Raum genug

ist, da mag es bleiben, so lange es soll! Bist Du damit einverstanden?"

Thue, was Du willst, nur laß mich nichts mehr davon sehen, obgleich ich dasHaus wohl nicht wieder betreten werde!"

Als alles Geschäftliche geordnet, die Rechte der kleinen Waise gewahrt worden,war der März herangekommen. Kohring's Groll gegen den Vater seines verstorbenenSchwiegersohnes nahm nicht ab, der Anblick der kleinen Anna nährte ihn immer mehr.Das ihm mit großer Liebe anhängende Kind war seine einzige Freude, und seine einzigeBeschäftigung, sobald er sich im Hause befand. Er hatte nur Augen und Ohren für sie,und nur ihre Bemerkungen vermochten auf seinem ernsten oft finsteren Gesicht ein Lächelnhervorzubringen. Darüber sah er nicht, was Frau Albrecht, die als Stütze der Förster!»bei ihnen geblieben, und Frau Bergmann, die täglich erschien, längst entdeckt, daß seineGattin immer bleicher ward, ihre Augen immer matter blickten, und sie, die sonst so

rüstig und ruhig gewesen, nur mit großer Anstrengung einen Weg in's Freie unter-

nehmen konnte.

Als eines Tages sie und Frau Albrecht mit der kleinen Anna nach dem Ver-waltungshause gehen wollten und sie stillstand um Athem zu schöpfen und neue Kräftezu sammeln, sagte ihre Nichte in bekümmertem Ton:

Tante, es geht nicht länger, ich darf es dem Onkel nicht länger verschweigen"

Es ist durchaus nichts Schlimmes, Wilhelmine", entgegnets Frau Kohring mitschmerzlichem Lächeln, und fügte ernster hinzu:Ich fühle weder Schmerzen noch Be-schwerden, es ist nur Kummer um die Beiden, die so schnell von uns gegangen, aus demfür sie so glücklichen Leben geschieden sind, und ich denke der Frühling und der Sommerwird Heilung bringen. Sprich vor allen Dingen nicht mit dem Onkel darüber, der schongenug zu tragen hat!"

Frau Kohring's Leiben aber machte bald beängstigende Fortschritte, und nahmeinen immer drohenderen Charakter an. Eine Erkältung, die sie sich bei einem scharfenNordostwind zugezogen, der zu Ende März anhaltend wehste, warf sie auf das Kranken-lager, und es stellte sich ein Leiden ein, für das der Arzt keinen Namen hatte, das aber