Ausgabe 
(23.5.1883) 41
 
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Nr. 41

1883.

zur

Äugslmrger PostMnng."

Mittwoch, 23. Mai

Des Jörsters Enkelkind.

Original-Novelle von Mary Dobson.

(Fortsetzung.)

- Frau Albrecht entfernte sich, um ihre Wünsche zu erfüllen, doch kam kein weiteresWort über ihre Lippen; sie blickte mit gefalteten Händen und schon fast verklärten Zügenüber den Garten hinweg in die schöne Gegend hinaus, die im ersten Frühlingsgrün dalag.Leise trat Frau Albrecht mit ihrer Enkelin ein, und hielt ihr diesebe entgegen. Langebetrachtete sie die Züge des Kindes, das ängstlich und traurig sie anblickte» küßte eswiederholt, sprach leise einige Worte, küßte es nochmals, und gab dann ein Zeichen esfortzuführen. Jetzt erschienen der Förster und Bergmann, der ebenfalls von dem wahr-scheinlichen Ende der langjährigen Freundin gehört, und Ersterer näherte sich ihren» Stuhl.

Köhring die Hand reichend, sagte sie:

Kohring, wir müssen uns trennen vielleicht sehr bald schon mein Herzschlägt so heftig, daß es bald stille stehen muß! Habe Dank für Deine Liebe, diemich so glücklich gemacht"

Liebes, theures Weib!" brachte er nur mühsam hervor, neigte sich über sie undküßte ihr bleiches eingefallenes Gesicht.

Lebe für mich für das Kind wir bedürfen Deiner Liebe und Sorgeverlaß uns nicht-"

Ich habe es lange versucht, das Leben könnte noch einmal wie-er schön werden!"

Ein Schauer durchbebte ihre abgeinagerte Gestalt, ihre Augen schlössen sich, dochnur einen Moment, dann öffnete sie sie wieder, reichte Bergmann's und ihrer Nichte dieHände, streckte sie darauf nach dem Gatten aus und versuchte sich aufzurichten. Er um-faßte sie schnell, sie lehnte das Haupt an seine Brust, und schloß wiederum die Augen.Dann entquoll ein tiefer Seufzer ihren Lippen, ihre Gestalt erbebte, der Förster fühltedie Hand, welche die seine hielt, kraftlos werden, das Haupt seines Weibes lehnte schwerergegen seine Brust, und einen langen Kuß auf die feuchte Stirn drilckend, die bereitserkaltete, sprachen dann er und die Umstehenden ein leises Gebet. Darauf legte er siesanft in die Kissen zurück, und sank, sein Gesicht in den Händen bergend, auf einen Stuhl.Die Anwesenden blickten tiefbewegt auf die bleichen, ruhigen Gesichtszüge der Geschiedenen»bis endlich die Thür geöffnet ward, und die kleine Anna auf ihren Großvater zusprang,dann aber ängstlich zurücktrat. Sie sah auf das bleiche Gesicht der so still daliegendenGroßmutter, und der sie traurig Umstehenden und in lautes Weinen ausbrechend um-klammerte sie den Arm des Großvaters. Frau Albrecht trat hinzu um sie fortzuführen,er aber sagte leise:

Laß sie, Wilhelmine, sie fühlt, daß sie jetzt auf der Welt nur mich allein hat",und das Kind auf seine Kniee setzend, fügte er hinzu:

Anna, Deine Großmutter ist zu Deinem Papa und Deiner Mama gegangen,u»»d Du wirst sie auf Erden nicht wiedersehen. Ich aber bleibe bei Dir, so lange Gottwill!" und sie auf seine Arme nehmend, verließ er schnell mit ihr das Zimmer.