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Während die Frauen bei der Leiche zurückblieben, folgte ihm nach einer WeileBergmann und fand ihn in seinem Arbeitszimmer. Die kleine Anna saß auf seinenKnieen, ihr goldblondes Köpfchen lag an seiner Brust geschmiegt; mit einem Arm hattesie den Versuch gemacht, seinen Hals zu umfassen, die andere kleine weiße Hand aberruhte auf seiner Rechten. —
XII.
Drei Wochen waren seit Frau Kohring's Beerdigung, die unter allgemeiner Be-theiligung der Bewohner beider Güter stattgefunden, verflossen, doch ging in der Förstereidas Leben mit seinen Arbeiten und Sorgen den gewohnten Gang, und machte mit jedemneuen Tag seine Rechte geltend.
Frau Albrecht nahm nunmehr die Stelle ihrer verstorbenen Tante ein; ihre kleineNichte hatte sich ihr, die eine große Kinderfreundin war, mit vieler Liebe angeschlossen,und immer seltener ward die Frage nach ihren Eltern. Von ihrer Großmutter dagegensprach sie oft, obgleich Frau Bergmann, für die sie ebenfalls eins lebhafte Zuneigungempfand, deren Stelle ersetzte.
Ihres kleinen Pfleglings wegen beruhigt, war es jedoch Frau Albrecht, und mitihr Vergmann's, des Försters wegen nicht, an dem sichtlich der Schmerz um den Ver-lust seiner Kinder und seiner Gattin nagte. Schweigend und mit düsterem Ausdruck inden plötzlich sehr gealterten Zügen, ging er so gewissenhaft wie sonst seinen vielfachenschweren Pflichten nach, wich aber so viel er konnte den treue» Freunden aus, und sprachauch mit seiner Nichte nur das Erforderliche. Gegen die kleine Anna indeß war er un-verändert, denn zu Hause durfte sie nicht von seiner Seite gehen, und suchte er so vielwie möglich jeden ihrer Wünsche zu erfüllen, was sie mit dem Scharfblick eines Kindes>bald genug fühlte, und geltend zu machen wußte.
Eines Abends kehrte er finsterer als sonst aus dem Walde heim, und sagte nachschweigend eingenommenem Abendessen zu seiner Nichte:
„Wilhelmine, halte Alles bereit, ich will morgen zur Stadt fahren, den» ich habemit dem Landkammerrath zu sprechen!"
„In Geschäftsangelegenheiten, Onkel?" fragte Frau Albrecht, um wenn möglich ihnzu weiterer Mittheilung zu veranlassen.
„In Sachen, die ihn und mich betreffen", entgegnete er mit wirklichem Nachdruck,er ging nach wenigen Augenblicken in's Freie hinaus. — — —
Der Landkammerrath war in seinem Arbeitszimmer beschäftigt, seine Gemahlin inder Haushaltung thätig, denn in wenigen Tagen wollten sie sich nach Bodenwald begeben,wo sie seit mehreren Jahren nicht gewesen. Eben streckte er die Hand aus, um seinemDiener zu klingeln, der verschiedene Briefe zur Post besorgen sollte, als dieser eintratund den Förster Kohring meldete.
„Führe ihn hierher", gebot er, während ihn ein unbehagliches Gefühl beschlich,denn er fürchtete in der That, den Man wieder zu sehen, der binnen wenigen Monate»so schwere Verluste zu beklagen gehabt, und die umfangreiche Post seines Gebieters mit-nehmend, entfernte sich der Diener.
In der nächsten Minute standen sie sich grüßend gegenüber, und der Herr vonBodenwald senkte das Auge vor dem Blick seines langjährigen Dieners. Dies aberwährte nur einen Moment, dann sagte er, ihm die Hand reichend:
„Wir haben unü lange nicht gesehen, Kohring — wie viel hat sich seit dem Tageereignet!
„Sehr viel, Herr Landkammerrath", erwiderte ernst der Förster, und nahm denStuhl, auf den dieser, welcher sich ebenfalls wieder gesetzt, deutete.
„Es war ein harter Schlag für Sie, binnen so kurzer Zeit Tochter und Frau zu
verlieren-"
„Ja, beim Himmel! Das war es: — Härter aber noch ist es, sie durch die Schuld
Anderer zu verlieren! —"