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„Durch die Schuld Anderer?" fragte der Landkammerraih, merklich die Stirnrunzelnd.
-„Herr Landkaininerrath", entgegnete Kohring mit erhobener Stimme, „wäre Ludwignicht gestorben —"
„Meinen Sie meinen Sohn?» fragte der Gutsherr mit Nachdruck.
„Ja, Ihren Sohn und meinen Schwiegersohn! — Hätten Sie nicht versucht feineEhe zu trennen, so lebten er, meine Tochter und Frau noch — —»
„So klagen Sie mich wohl gar als die Ursache seines und ihres Todes a>^?"
„Auf diese Frage habe ich keine Antwort, Ihr Herz und Ihr Gewissen mag sieIhnen ertheilen I»
„Sie führen hier eine Sprache, Kohring, die Ihnen nicht geziemt, und die ich nurder langen Dienste wegen, die Sie mir geleistet, entschuldige!»
„Das ist mir gleichgültig, Herr Landkaininerrath, die Wahrheit mußten Sie einmalaus meinem Munde hören! — Die Vergeltung für das, was Sie mir und meinerEnkelin gethan, ivird nicht ausbleiben, denn es lebt ein Gott im Himmel und der istnoch immer gerecht gewesen!"
Der Landkaininerrath saß sprachlos da, noch nie hatte er Worte gleich diesen, amwenigsten aber aus dem Munde eines Untergebenen vernommen. Sein Zorn hatte dabeiden höchsten Grad erreicht, denn seine Augen flammten, und seine Stirnadern schwollenbedenklich an. Kohring, der seinen Vorgesetzten besser als sonst Jemand kannte, sah dies,beachtete es aber nicht, sondern fuhr fort:
„Und jetzt noch eine Mittheilung, Herr Landkammerrath l — Sie sehen mich heutefür lange Zeit zum letzten Mal — mein Aufenthalt in dieser Gegend wird nur nochvon kurzer Dauer sein!"
„Sie wollen fort?" rief der Herr von Bodenwald, dem diese, ihn persönlich be-rührende Nachricht die Sprache wiedergegeben. „Das gestatte ich nicht, glauben Sie soohne Weiteres meinen Dienst verlassen zu können?"
„Ich thue es wenigstens, Herr Landkammerrath! — Sie werden leicht einen andernFörster finden, und einstweilen kann der Jägerbursche unter Bergmann's Aufsicht arbeiten!
— Auf Wiedersehen somit, Herr Landkammerrath l — Wann und wo das sein wird,müssen wir Gottes Willen anheiln geben, vielleicht auch finden wir uns erst in jenemLeben wieder, wohin uns die Unsrigen vorangegangen sind."
Nach diesen Worten verließ er den stumm dasitzenden Herrn von Bodenwald unddessen Haus und begab sich zu einen« Nechtsanwalt, der zugleich sein Jugendfreund war«Mit diesem sprach und arbeitete er lange, ordnete seine Vermögensverhältnisse, trafmancherlei Verabredungen und nahn» dann in herzlicher Weise von ihm Abschied.
Als am Abend er sein Haus wieder erreichte, eilten ihm Bergmann's und seineNichte entgegen, und der Verwalter sagte mit unverkennbarer Aufregung:
„Kohring, ivie lange bist Du geblieben! — Wir haben Deinetwegen eine namen-lose Angst gehabt-«
„Angst um mich?" fragte fast verwundert der Förster. „Freilich, es ist Abendgeworden, doch konnte ich das diesen Morgen nicht voraussehen. Meine Angelegenheitenaber sind geordnet», und sich an seine Nichts wendend, setzte er hinzu: „Und sobald Duden Hausstand besorgt und eingepackt hast, Wilhelmine, können wir fortgehen!"
„Fortgehen?" wiederholten überrascht diese und Bergmann's. „Fort von hier?"
„Ja", entgegnete er mit dumpfer Stimme, „ich muß fort, muß vergessen lernen!
— Der Schmerz um die Verlorenen, die Erinnerung an sie, die hier lebhafter als aneinem anderen Orte ist, würde mich sonst überwältigen, denn Niemand weiß und ahnt,was ich während dieser letzten Monate gelitten!"
Die Frauen konnten sich der Thränen nicht enthalte», der Verwalter aber sagteM herzlichem, theilnehmendem Ton:
„Du sollst es vorläufig bei einer Reise bewenden lassen, alter Freund — —^