Ausgabe 
(23.5.1883) 41
 
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laufen wird, ist schwer zu ermessen« Es kann gelingen, wenn China neutral bleibt, wirdaber selbst in diesem Falle schwerlich wirklich greifbare materielle Bortheile bringen.Jedenfalls wird es nicht ohne Interesse sei», die dortigen Verhältnisse sich kurz zu ver-gegenwärtigen.

Bis zum 15. Jahrhundert war Tonking Vasallenstaat China's; 1428 erreichte esunter China's Suzerainetüt und der Li-Dynastie eine Selbständigkeit, welche 300 Jahredauerte. Im 18. Jahrhundert brachen dynastische Kämpfe aus, und einer der Präten-denten rief auf den Rath eines französischen Missionärs Ludwig's XVI. Hülfe an, diedieser durch einen Vertrag vom 28. Ncvember 1787 zusagte; als Aeguivalent war dieAbtretung der Bai und Halbinsel von Turon an Frankreich zugesagt. Die Revolutionverhinderte die Ausführung dieses Vertrages. 1858 führte eine Christenverfolgung inAnnam zu einer französisch-spanischen Intervention, die unter Einfluß eines Bürgerkriegesmit der Eroberung der drei Südprovinzen von Cochin-China : Mytho, Saigun und Bienhoa,endete. Der Führer der Aufständischen bot sogar Frankreich das Protectorat über ganzAnna»» an, aber der französische Admiral lehnte dies ab. Der Rothe Fluß war damalsnoch nicht bekannt, und Niemand ahnte die Wichtigkeit, »wiche seine Entdeckung Tonkingverleihen würde, indem dessen Besitz nicht nur dem Eigenthümer eine fruchtbare Provinz,sondern auch eine große Handelsstraße nach der südchinesischen Provinz Wnnan gibt,welche damals noch in den Händen von Rebellen war. Diese Entdeckung ist JeanDupuis zu verdanken, welcher 1860 nach China kam, als der englische Admiral Hopeden Jang-tse-Kiang heraufging, um die drei neuen Häfen auszuwählen, welche nach demVertrag von Tientsin dem fremden Handel eröffnet werden sollten. Dupuis ließ sich indem obersten derselben, Hankau, nieder, studirte das Land und die Mittel, europäischeHandelsbeziehungen auszudehnen, wofür er sein Auge besonders auf Süd-China warf.Er wußte, daß es den Franzosen mißlungen war, dorthin durch Kambodja und auf demMe-Klong vorzudringen; er unternahm es, die Aufgabe durch den Song-Klong oderRothen Fluß zu lösen, der in Jünnan entspringt und Tonking von Nord-Ost nach Süd-West durchzieht. Er schloß sich 1870 dem chinesischen Befehlshaber Ma an, welcher da-mals gegen die muselmännischen Aufständischen zu Felde lag, und führte von der Grenzevon Tonking unter großen Gefahren und Mühen eine Reise aus, die ihn schließlich anden Rothen Fluß brachte, den er bis Kuen-Si, dem ersten annamitischen Posten befuhr,wo man ihn nöthigte, umzukehren. Die mögliche Verbindung aber war festgestellt, undnicht minder hatte er auf seiner Fahrt gesehen, daß das Land reich an tropischen Pro-ducten, Kohlen, Eisen, Zinn, Kupfer und Silber sei. Die Chinesen hätten sich dasselbegern durch ihn gesichert; aber er hatte Frankreichs Interessen im Auge und ging nachParis , um die Hülse der Regierung für seine Pläne nachzusuchen. Thiers aber hatte1872 an andere Dinge zu denken, und lehnte ab. Dupuis rüstete auf seine Kosten einkleines Geschwader aus, kam damit Ende dieses Jahres im Tonking-Busen an und ent-deckte einen Canal, der ihn nach Hanoi, der Hauptstadt der Provinz, 30 Meilen vonder See, führte. Die Ankunft dieser ersten europäischen Expedition erfüllt« die anna-mitischen Mandarinen mit Schrecken; sie wagten nicht, dieselben offen anzugreifen, aberverhielten sich doch feindlich, worauf Dupuis sie mit seiner kleinen Schaar angriff undin die Citadelle trieb, indem er sich der Stadt bemächtigte, deren Einwohner sich freund-lich zeigten. Mit der Hüfte seiner Leute zog er dann auf dem Rothen Strome weiternach Jünnan, wo er den ihm bekannten chinesischen General traf, der nunmehr den Auf-stand unterdrückt hatte. Nach seiner Rückkehr nach Hanoi schickte er einen Vertrautennach Saigun, um dem französischen Gouverneur klar zu machen, daß das Erscheinen einerkleinen französischen Macht hinreichen würde, um das französische Protectorat über zehnMillionen Tonlingesen aufzurichten, die das annamitische Joch haßten, aber zu schwachfeien, es abzuschütteln. Die Franzosen hatten inzwischen ihren Besitz in Cochinchinadurch wiederholte Annexionen erheblich ausgedehnt. Der Gouverneur Duprö sandte nunden Lieutenant Garnier nach Hanoi , welcher von der Regierung die Oeffnung des Rothen