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Miseell-n.
(„Oh, Abraham!") Unter diesem Titel erzählt ein Amerikanisches Blatt nach-folgende für den Charakter, wie für das Familienleben des unvergeßlichen PräsidentenLincoln bezeichnende Anekdote: In der Nacht, die der Präsidentenmahlversammlung inChicago vorherging, kam Lincoln erst um 11 Uhr Nachts nach Hause. Am folgendenMorgen machte Mrs. Lincoln, welche nicht eben die sanftmüthigsten Anlagen besaß, ihremGalten sehr ernste Vorstellungen. Sie gab ihm ziemlich zu verstehen, daß ihn die Politikzu schlechten Gewohnheiten verleite, ihn bis spät in die Nacht in allerlei Wirthshäuserführe, während sie mit den Kindern allein aufbleiben müsse, und daß sie keineswegs ge-sonnen sei, derlei Unregelmäßigkeiten zu dulden. „Heute," schloß sie ihren Sermon, „sageich Dir, Abraham, gehe ich punkt zehn Uhr zu Bett. Wenn Du vor dieser Zeit nachHause kommst, dann ist's gut, wenn nicht — ich stehe nicht auf, um Dich einzulassen.«Zehn Uhr schlug es an dem betreffenden Abend, und Mrs. Lincoln ging, getreu ihremWorte, mit den Kindern zu Bette. Etwa eine Stunde später klopfte Lincoln an dasHausthor. Er klopfte einmal, zweimal, ja sogar dreimal, ehe ein Fenster im Oberstockgeöffnet wurde, und eine weibliche Nachthaube zum Vorschein kam. — „Wer ist da?"— „Ich." — «Du weißt, was ich Dir gesagt habe, Abraham!" — „Ja, aber Frau,ich habe Dir etwas ganz Besonderes mitzutheilen. Laß mich ein!" — „Ich brauchenichts zu hören. Wahrscheinlich wieder irgend ein politischer Unsinn!" — Aber, Frau,es ist sehr wichtig. Ich habe eine telegraphische Depesche erhalten, daß ich zum Präsidentenerwählt worden bin." — „Oh, Abraham!" rief nun Mrs. Lincoln im Tone der höchstenIndignation: „das ist wirklich zu arg!" Ich habe bisher nur vermuthet, daß Du Dichauswärts betrinkst, nun aber weiß ich es! Geh nur Deiner Wege und schlafe Dich dortaus, wo Du Dir Deinen Rausch angetrunken hast!" Und raffelnd ging das Fensternieder. Zur nicht geringen Verwunderung der liebenswürdigen Frau bestättigte sich amnächsten Tage, daß der beste Anekdotenerzähler der ganzen Umgegend in der That be-rusen worden war, 40 Millionen seiner Mitbürger zu regieren.
(Ein drolliger Brief) mit einer Einlage von 50 Mark ist dieser Tage aneinen Berliner Nechtsanwalt von einem, seiner Clienten angekommen. Das Schreibenlautet: „Bester Herr Anwalt! Sie haben mich vor etwa 6 Monaten vertheidigt, wo icheinen Hund auf den Haussirer Wenzlaff gehetzt, den das Thier furchtbar zerrissenund ich noch gehauen haben soll. Ich konnte damals blos 10 Mark Vorschuß geben,aber Sie haben doch einen von Ihren Arbeitern hingeschickt, der seine Sache sehr gutgemacht hat, denn ich mußte selber staunen, daß ich freigesprochen wurde. Ihr Vertretersprach für mich so schön und so merkwürdig, daß ich beinahe selber glaubte, der Wenz-laff hat Unrecht. Wenn der Herr noch lange gesprochen hätte, so wäre es beinahe dahingekommen, daß der Hund nicht den Wenzlaff, sondern der Wenzlaff den Hund gebissenhat. Ich bedanke mich für die Freiheit, die ich Ihnen verdanke, und schicke Ihnen hiernoch 50 Mk. als Lohn für die Vertheidigung, wovon Sie ja dein jungen Mann etwasabgeben können."
(Aus dem Gerichtssaale.) Richter: „Ihr seit heute schon zuu sechzehntenMale wegen Taschcndiebstahls vor Gericht." — Angeklagter: „Es ist nicht meine Schuld,Gnaden Herr Gerichtshof, denn bevor man noch rechte Zeit hat zum Ehrlichwerden,sperr'n s' Einen ja schon wieder ein."
(Eins nach dem andern.) Kellner: „Herr Wirth, die Gäst' halten sich auf,daß das Essen zu wenig gesalzen ist." — Wirth: „So? Na — die soll'n nur warten,bis ich mit der Rechnung komm'."
(Schiefe Ansicht.) Maler: „Ja, Freund, was ist's denn mit Dir, Du hastja gar nix mehr als Versatzzetteln!" — Schreiber: „Ja, weißt, bei der jetzigen Zeitist's das allerbeste, man legt ftin Vermögen in Pfandbriefen an."
Für die Redaktion verantwortlich Alphons Planer in Augsburg . — Druck und Verlag desLiterarischen Instituts von Dr. Max Huttler.