Ausgabe 
(26.5.1883) 42
 
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Nr. 42.

1883.

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Äiigsimrger Pojheitima."

Samstag, 26 . Mai

Des Jörsters Enkelkind. «

Original-Novelle von MaryDobson.

(Fortsetzung.)

Des Försters Enkelkind, jetzt fast zehn Jahre alt, hatte mit seinem Aufenthalt auchseinen Namen gewechselt» denn Ersterer wollte nie mehr das Wort Bodenwald hören,wie es auch nicht über seine Lippen kam. Anna führte den Namen Herfeld, galt aberim Uebrigen für das, was sie war und hatte in der neuen, ihr überaus zusagendenHeimath, nicht die geringste Erinnerung an Bodenwald, den Buchenhof und die FamilieBergmann behalten, ebenfalls war ihr ihr eigentlicher Name fremd und sie kannte sichnur als Anna Herfeld.

Sie hatte sich kräftig entwickelt, und ward täglich ihrem Vater ähnlicher, eineAehnlichkeit, die oft den Förster schmerzlich überraschte. Ihre tiefblauen Augen blicktenbald ernst und sinnig, bald lebhaft und munter, je nach den Gefühlen, denen sie Aus-druck gaben; sie konnten aber auch zornig funkeln und dann glich Anna Herfeld voll-kommen dem Landkammerrath von Bodenwald. Sie hatte ein charakteristisches, einFamiliengesicht, das man jedoch für den Augenblick, da es für ihre Jahre zu alt war,kaum hübsch finden konnte. Ihr goldblondes Haar legte sich in reichen Wellen um einezu hohe weiße Stirn; ihre feingebogene Nase, wenn sie auch dem Kinserantlitz etwasAristokratisches gab, war für dies zu groß und um den selten schön geformten Mund.lagerte «in zu ernster Zug, der selbst, wenn Anna lächelte, nicht ganz schwand. Vonder Natur mit reichen Anlagen, mit einem weichen Herzen und Gemüth ausgestattet»hatte sie früh schon ein großes Verständniß für die Gefühle und Leiden Anderer. Siewußte, daß ihres Großvaters stetem Ernst, den sie nur selten auf Augenblicke weichensah, frühere traurige Familienereigmfse zu Grunde lagen, und kannte so viel wie erforder-lich» diese auch. Ebenso wußte sie, daß ihre Tante herbe Schicksale und viel Leid erlebt,und daß Beide nicht gern auf die früheren Jahre zurückkamen, weshalb sie auch mit zu-nehmendem Alter nur selten der Vergangenheit erwähnte.

Das Försterhaus von Vahrenwald so hieß auch das nächste Kirchdorf lagan einer Landstraße, welche durch den Forst führte, und hatte zu beiden Seiten ver-schiedene Nebengebäude.

In ersterem herrschte zu jeder Tageszeit reges Treiben, wie es eine rege Haus-haltung mit sich brachte, die Frau Albrecht fast den ganzen Tag in Anspruch nahm, undmit ihr, ungeachtet des langjährigen Dienstmädchens, ihre Nichte, die ihr in allen Arbeitengeschickt zur Hand ging. Die freien Nachmittagsflunden wurden zu Anna's Unterrichtverwandt, die bisher noch keine Schule besucht hatte. Der Förster wollte sie deshalbweder in'S Dorf schicken, noch sie in der entfernten Stadt in Pension geben, sondern erund seine Nichte halten beschlossen, eine Erzieherin anzunehmen, die sich ihr den ganzenTag widmen konnte. Dies war für den Winter bestimmt, während des Sommers sollteAnna sich noch ihrer Freiheit freuen.