Ausgabe 
(26.5.1883) 42
 
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Frau Albrechts Bemühungen, um ihrer Nichte verschiedene Fertigkeiten beizubringen,waren indeß nicht ohne Erfolg geblieben. Sie hatte längst die Anfangsgründe allesWissens, Lesen, Schreiben und Rechnen inne, und auch die Anfangsgründe aller Geschick«lichkeit, Stricken und Nähen, begriffen. Wenn auch in allem erlernten Wissen gegenandere Kinder ihres Alters und Standes zurück, hatte Anna viel aus eigener Anschauungund Beobachtung der Natur gelernt, und so glaubten denn ihr Großvater und ihre Tante,daß bei ihren glücklichen Faffungsgaben sie das bisher Versäumte leicht nachholen werde.

Als eines Nachmittags es war um die Mitte Juni Frau Albrecht und ihreNichte vor der Thür saßen, wie dies stets bei schönem Wetter geschah, und Letztere zumersten Mal nach gedruckten Vorlagen geschrieben, näherte sich der Förster, eine» bereitsgeöffneten Brief in der Hand haltend, und- zu ihm aufblickend gewahrte Frau Albrechteine nicht zu verkennende Erregung seiner Züge. Bei diesem Anblick, wie beim Anblickdes großdn Siegels, das sich auf dem Schreiben befand, bemächtigte sich ihrer ein- sicht-liche Unruhe, welche dem scharfen Auge des Försters nicht entging, welcher auf seine Handblickend, sagte:

Dieser Brief ist von unserer Nachbarin, der Gräfin Steinhorst. Ein Bote, denich unterwegs getroffen, hat ihn mir übergeben!"

Von der Gräfin Steinhorst?* fragte erstaunt Frau Albrecht.

Ja, und der Inhalt wird Dich eben so sehr überraschen, wie er mich überraschthat!" antwortete der Förster, neben seiner Enkelin auf der Bank Platz nehmend.

Da bin ich neugierig, ihn zu erfahren, Onkel, denn die Gräfin Steinhorst mußeine besondere Veranlassung dazu gehabt haben, an den Förster Kohring zu schreiben!"

Dieser antwortete nur durch einen bedeutungsvollen Blick und das Heft seinerEnkelin sehend, sagte er in ermunterndem Ton, während seine Züge sich etwas erheiterten:

Das hast Du recht hübsch geschrieben, Anna, die neuen Vorlagen gefallen Dirwohl? Uebrigens sehe ich, daß Du schon sehr fleißig gewesen bist, denn da liegt jaDein Lesebuch und Deine Tafel, auf der ein Exempel neben dem andern steht!"

Das erhaltene Lob hatte auf Anna's Gesicht ein leichtes Erröthe» hervorgerufenund die Feder bei Seite legend erwiderte sie:

Ja, Großvater, ich habe auch schon gelesen und gerechnet, und will noch die neuenHandtücher nähen!"

Laß das heute, Anna", unterbrach ihre Tante.Wir haben hier schon zweiStunden gesessen und Du kannst zu Christine in den Garten gehen!"

Ich habe für beide eine Besorgung", sagte jetzt der Förster, und wollte sie in'sDorf schicken-"

In's Dorf? Nach Vahrenwald ?" rief lebhaft Anna, welcher die Aussicht aufeine Abwechselung sehr zusagte.Was sollen wir dort, Großvater?"

Der Holzhauer Steffen hat mir gesagt, daß seine kranken Kinder kräftige Speisengenießen dürfen, und da meine ich, Ihr könntet seiner Frau Einiges zubereitet hintragen;Wilhelmine", wandte er sich dann an seine Nichte,füge auch einige Flaschen von deinguten alten Wein hinzu, damit die arme Frau, die durch die Pflege so lange gelitten,wieder zu Kräften kommt!"

Frau Albrecht entfernte sich, um in umfassender Weise den Wunsch ihres Onkelszu erfüllen, Anna aber brachte ihre verschiedenen Arbeiten in Sicherheit und eilte dannin den Garten zu Christine, welche ebenso erfreut war, über die Aussicht in's Dorf zugehen, wo sie Bekannte hatte. Beide machten sich zum Ausgehen bereit und traten bald,nachdem Anna von ihrem Großvater und ihrer Tante Abschied genommen, mit einemgrößeren und kleineren Korbe, von Wolf begleitet den Weg an.

Der Förster hatte unterdeß in ernstem Nachdenken dagesessen, und sich in dichteTabakswolken gehüllt. Als seine Nichte ihren Platz wieder eingenommen, begann er»auf das Schreiben deutend: